Zwei Klassenfeinde als Krisenmanager

26. November 2009, 18:51
8 Postings

Mühlviertel gegen Favoriten, grader Michl gegen Wiener Schmäh: Reinhold Mitterlehner und Rudolf Hundstorfer, Minister für Wirtschaft und Soziales, sind keine Haberer - und dennoch Brüder im Geiste

Wien - Die Kombination klingt nach Cultural Clash: Auf der einen Seite der geradlinige Jurist aus dem hintersten Mühlviertel in Oberösterreich, der dem Los der ewigen Zukunftshoffnung gerade noch entronnen ist; auf der anderen der maturalose Gewerkschafter aus dem Wiener Proletarierbezirk Favoriten, der beim Marsch durch die Hierarchie mit brenzligen Aufgaben gewachsen ist. Dennoch leben gerade Reinhold Mitterlehner und Rudolf Hundstorfer des Kanzlers Motto "Genug gestritten" so konsequent, dass Parteifreunde misstrauisch werden könnten. "Schreiben S' nicht, dass wir Haberer sind" , bittet Mitterlehner, "wir hauen uns ja nicht schulterklopfend die Nächte um die Ohren."

Dafür gibt's ein Tête-à-Tête am Morgen. Hundstorfer ist der erste Mensch, den Mitterlehner in der Woche von Berufs wegen trifft - und umgekehrt. Jeden Montag um 8.30 Uhr setzen sich die Minister für Soziales und Wirtschaft zum Jour fixe zusammen. Von der Kurzarbeit bis zur Schrottprämie geht es um viele Fragen, aber immer nur ein Ziel: die Krise halbwegs erträglich zu machen.

Entscheidende Gemeinsamkeit ist die Schule der Sozialpartnerschaft, wo beide gelernt haben, Gegner leben zu lassen. Wer im Interessenausgleich zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern auch im nächsten Jahr auf einen grünen Zweig kommen muss, hinterlässt besser keine verbrannte Erde. "Die Sache kommt vor der Ideologie" , sagt der rote Hundstorfer, der sein schwarzes Gegenüber ebenso wenig für einen "Neoliberalen" hält, wie dieser ihn für einen "Betonierer" .

"Bei anderer Bildung hätte Mitterlehner auch in der Gewerkschaftsbewegung landen können" , meint gar ein altgedienter Arbeitervertreter, der schon ganz anderen Ausgaben des "Klassenfeinds" gegenüber gesessen ist: "Aus dem Mühlviertel weiß er, wie die Welt ist - auch für die einfachen Leut'."

Eine Rüge seines Parteichefs wegen Ketzerei fing sich Mitterlehner im ersten Ministerjahr bereits ein - weil er im Standard-Interview höhere Steuern aus Vermögen als "möglich" bezeichnet hatte. Auch über Hundstorfer rümpfen manche Genossen die Nase, wenn auch nicht in der Chefetage. Der Sozialminister, mehr Pragmatiker als Visionär, lasse Kampfgeist vermissen, motzen Gewerkschafter, er habe sein Gewicht weder für eine üppigere Mindestsicherung noch für Vermögenssteuern eingesetzt.

Das Murren in den eigenen Reihen hängt auch mit dem Rollenverständnis der "Spiegelminister" zusammen. "Wir sind eben keine Interessenvertreter" , sagt Mitterlehner, dem die Punzierung als "Sozialpartner in der Regierung" missfällt. Beispiel: Als Fürsprecher der Unternehmen müsste er für niedrige Lohnerhöhungen plädieren - "als Wirtschaftsminister ist mir auch die Kaufkraft ein Anliegen" .

Der 54-jährige Wirtschaftsminister gibt den nüchternen Part des Duos, "er trägt nicht gleich beim ersten Gespräch einen Schmäh auf den Lippen" , sagt Hundstorfer. Der joviale Sozialminister hingegen ist mit dem machtbewussten Habitus des Gewerkschafters ausgestattet. Dem 58-jährigen wird jene Gerissenheit nachgesagt, die für eine Karriere auf dem Wiener Parkett kein Nachteil ist; in Mitterlehners Heimat würde man ihn vielleicht "gfeanzt" nennen. Wichtig sei aber, sagt Letzterer, "dass wir die politischen Codes verstehen". Und noch eine (halbe) Gemeinsamkeit gibt es: Mitterlehner gilt als Feschak - Hundstorfer zumindest als eitel.

Auf die Kooperation schlägt dies allerdings kaum durch. Am 1. Mai überließ Hundstorfer seinem Partner sogar die Präsentation der Jugendstiftung gegen Arbeitslosigkeit - damit die Schwarzen auch etwas zu Feiern haben. Ebenso einträchtig blicken die Ressortchefs, die im selben Amtsgebäude, dem ehemaligen Kriegsministerium am Stubenring, sitzen, in die Zukunft.Beide sagen: "Das kommende Jahr wird noch schwieriger."(Gerald John/ DER STANDARD, 27.11.2009)

  • Die Farbe der Krawatte verrät, wer wohin gehört. Doch Mitterlehner und Hundstorfer sind einander ähnlicher als ihre Parteien.
    foto: standard/cremer

    Die Farbe der Krawatte verrät, wer wohin gehört. Doch Mitterlehner und Hundstorfer sind einander ähnlicher als ihre Parteien.

Share if you care.