"Die Leute suchen ja doch das Abenteuer"

26. November 2009, 17:38
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Axel Naglich fährt gerne auf extremen Bergen Ski. Am 5489 Meter hohen Mount St. Elias in Alaska entstand der Film über die längste Abfahrt der Welt

Standard: Die Abfahrt vom Mount St. Elias war Weltrekord, extrem schwierig und gefährlich. Wie schwer ist der vierthöchste Berg Nordamerikas zu besteigen?

Naglich: Wenn alles passt, ist er nicht so schwer. Er besteht oben aus drei langen Flanken. Zwei sind sehr exponiert und bis zu 55 Grad steil. Bei guten Bedingungen ist es eine schöne, lange Eistour, aber das Problem ist meist das Wetter. Selbst wenn es rundherum schön ist, kannst du auf diesem Berg mörderische Verhältnisse haben. Er hat sein eigenes Mikroklima, da er direkt am Meer liegt.

Standard: Hatten Sie Verbindung mit Karl Gabl, dem Wetterexperten aus Innsbruck ?

Naglich: Wir haben intensiv mit dem Karl zusammengearbeitet. Erst kürzlich hat er mich angerufen und mich über die Jahresschneemenge informiert, die von einer örtlichen Wetterstation am Fuße des Berges gemessen wurde. 38 Meter! Unvorstellbar, oder? Ich habe so etwas noch nirgendwo auf der Welt erlebt. Wir haben es während des Schneesturms zu zweit nicht geschafft, das Zelt freizuhalten, haben das eigene Schaufelblatt nicht mehr gesehen.

Standard: Sie sind dann in die selbstgegrabene Eishöhle übersiedelt. Wie lange waren Sie drinnen, welche Probleme hat es gegeben?

Naglich: Drei Tage waren wir drinnen und konnten uns anfangs kaum rühren. Wir haben immer weitergegraben, aber mehr an der Decke als am Boden, weil das leichter ging. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass der ganze Krempel über uns einstürzt, da hätten wir dann ein echtes Problem gehabt. Außerdem haben wir es kaum geschafft, den Eingang freizuhalten.

Standard: War das der gefährlichste Moment der Expedition?

Naglich: Finde ich nicht. Natürlich wäre es eine heikle Situation gewesen, wenn wir wieder im Freien gesessen wären. Wir hätten viel Equipment verloren. Und wir hätten eine neue Höhle graben müssen. Der gefährlichste Moment war während des Abstiegs im Schneesturm in der extrem lawinösen Flanke am Haydon Peak.

Standard: Gab es beim zweiten Besteigungsversuch wieder große Lawinengefahr?

Naglich: Beim zweiten Mal hatten wir traumhaftes Wetter und Jahrhundertbedingungen. Ich glaube, dass das nicht mehr so schnell vorkommen wird auf diesem Berg. Wir hatten bei der Abfahrt zum Teil sogar Stellen mit Pulverschnee.

Standard: Haben Sie die Abfahrtsroute während des Aufstiegs genau studieren können?

Naglich: Im Wesentlichen sind wir genauso abgefahren, wie wir aufgestiegen sind, nur die letzte steile Flanke unter dem Gipfel war lawinengefährlich, die haben wir uns nicht mehr zugetraut und sind weiter rechts runter.

Standard: Haben Sie während des Aufstiegs und der Abfahrt auf die Filmaufnahmen Rücksicht nehmen müssen?

Naglich: Es war ausgemacht, dass wir unser Ding ohne Rücksicht auf das Filmteam durchziehen. Wir haben nur zweimal auf den Hubschrauber gewartet, als er zum Tanken aus dem Nationalpark geflogen ist. Und vor den letzten Schritten auf den Gipfel haben wir darauf geschaut, dass ordentlich gefilmt werden kann.

Standard: Ihr seid die Abfahrt in zwei Teilen gefahren. Den unteren Teil beim ersten Versuch im Frühling und den oberen Teil nach der erfolgreichen Besteigung im Sommer. Wäre es möglich gewesen, alles durchzufahren?

Naglich: Das hätten wir gerne getan. Aber im August gibt es im unteren Teil oft keinen Schnee mehr.

Standard: Soll der Film die Menschen zum Skifahren animieren? Oder soll er sie abschrecken?

Naglich: Ich hoffe nicht. Wir wollten schon seit vielen Jahren einen Film machen, der zeigen soll, wie geil Skifahren ist. Für mich ist das die tollste Sportart, und ich habe mir die Frage gestellt, ob man mit dem Film die Leute zum Skifahren animieren kann. Eine gewisse Klientel mit hohem technischen Niveau sicher. Aber die Frage muss sich der Zuschauer selbst stellen.

Standard: Was halten Sie von einer gesetzlichen Helmpflicht für Skifahrer?

Naglich: Das finde ich extrem falsch. Wie sollte das exekutiert werden? Mit Polizisten auf der Piste? Ich bin für eine Kampagne. Die Leute sollen einen Helm tragen, aber es hat doch jeder seine Eigenverantwortung. Alles ist sicher, alles ist vorhersagbar, alle Risiken werden heute nach Möglichkeit ausgeschaltet. Das ist doch extrem langweilig. Aber die Leute suchen ja doch das Abenteuer.

Standard: Gibt es dadurch diesen Trend zu Skitouren?

Naglich: Ganz sicher. Die Menschen wollen raus in die Natur, wollen etwas Besonderes erleben. Wie groß das Abenteuer ist, kann dann jeder selbst bestimmen. Natürlich muss man beim Skibergsteigen aufpassen. Aber ich bin total dagegen, dass man den Hang genau auf seine Lawinengefahr beschriftet. Das wäre wie eine klimatisierte Rolltreppe auf den Mount Everest. Was hat das dann noch für einen Wert, wenn jeder Depp hinaufkommt?

Standard: Ist der Everest für Sie ein Thema?

Naglich: Ich habe ihn nicht ganz oben auf der Liste, aber natürlich ist der höchste Berg der Welt interessant. Oder ein anderer Achttausender, auf dem nicht so viel los ist.

Standard: Würden Sie dort auch versuchen, mit Skiern abzufahren?

Naglich: Natürlich, das ist ja naheliegend. (Martin Grabner, DER STANDARD Printausgabe, 27.11.2009)

  • ZUR PERSON:
Axel Naglich (41) lebt in Kitzbühel,
arbeitet im Hauptberuf als Architekt. Nebenbei ist er stellvertretender
Rennleiter bei den Hahnenkammrennen. Er fährt seit seinem zweiten
Lebensjahr Ski.
    foto: ludvik

    ZUR PERSON:

    Axel Naglich (41) lebt in Kitzbühel, arbeitet im Hauptberuf als Architekt. Nebenbei ist er stellvertretender Rennleiter bei den Hahnenkammrennen. Er fährt seit seinem zweiten Lebensjahr Ski.

  • 25 Kilometer bergab in ausgesetztem, eisigem Gelände. Jeder Schwung muss sitzen, ein Sturz wäre tödlich. Das Problem bei hunderten Schwüngen: die zunehmende Müdigkeit.
    foto: kammerlander

    25 Kilometer bergab in ausgesetztem, eisigem Gelände. Jeder Schwung muss sitzen, ein Sturz wäre tödlich. Das Problem bei hunderten Schwüngen: die zunehmende Müdigkeit.

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