Alte Hüte, neue Krisen

26. November 2009, 14:41
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Die nächste Krise kommt bestimmt - Ernst Swietly beschreibt in "Große Finanzkrisen", was man aus der Geschichte lernen kann

Krisen sind unvermeidbar. Ganz nach Murphys Gesetz, dass alles was schief gehen kann auch schief gehen wird, lautet so auch die Grundthese in Ernst A. Swietlys aktuellem Buch "Große Finanzkrisen. Ein Kompass aus der Wirtschaftsgeschichte": "Die Schuld an Wirtschaftskrisen trägt [...] einzig und allein das rastlose Vorwärtsstreben der Menschheit nach besserem, leichterem und erfüllterem Leben. Nur wer diese Neigung des Menschen abstellen könnte - eine völlig utopische Vorstellung -, würde auch das Auftreten von Wirtschaftskrisen verhindern können."

Und weil dem so ist, wagt der heute 73-jährige Wiener Autor, der in seinem Brotberuf als Journalist für Print, Funk und Fernsehen tätig war, einen Rundflug durch zwölf historische Wirtschaftskrisen des Planeten, um letztendlich bei der derzeitigen zu landen und auch noch einen Ausblick auf die kommenden, unvermeidbaren Krisen zu geben. Swietly sieht in allen Krisen einen gemeinsamen Nenner: "Zu viel Geld im Umlauf, zu viel Gier in und zu viele Gauner unter den Menschen."

Alles schon gesehen

Nichts von all dem, was die Finanzmärkte heutzutage bewegt und der derzeitigen Krise ihren Nährboden verschafft hatte, ist eine Erfindung der Gegenwart. Anbieten und Handeln von Produkten, die man gar nicht besitzt und darauf folgendes Verbot solcher Leerverkäufe? Ein alter Hut, schon während der Tulpenblase vor cirka 400 Jahren erfunden. Wiederverstaatlichung von Banken? Hat in Österreich Tradition - der Wiener Börsekrach 1873 dient als Blaupause. Mit Exklusivitäts-Versprechen geköderte, leicht zu verführende Anleger und exotische Anlageprodukte waren auch schon Anfang des 18. Jahrhunderts gesehen, und damit genau so eingefahren wie die Madoff-Anleger unserer Zeit.

Der Autor bietet mit seinen zwölf Beispielen globaler Finanz- und/oder Wirtschaftskrisen einen guten Überblick darüber, wie Krisen funktionieren und warum es sie gibt und erklärt ganz nebenbei auch die wichtigsten Theorien und Strömungen der Wirtschaftswissenschaften. Außerdem lässt er sie nicht im luftleeren, historischen Raum stehen, sondern sucht nach Verknüpfungspunkten, Ähnlichkeiten und Mustern, die übertragbar sind - sowohl auf die jetzige als auch auf (mögliche) kommende Verwerfungen.

Gespickt und garniert mit zahlreichen Aphorismen und Zitaten sowohl von Ökonomen als auch von Literaten, Dichtern und anderen Denkern arbeitet sich der Autor quer durch die Zeit, und legt schlussendlich das zukünftige Krisenpotenzial offen. Von der US-Kreditkarten-Blase über die Diskrepanz zwischen Geld- und Realwirtschaft bis hin zu überschuldeten Staaten - die nächste Krise kommt, lediglich das Wann, Wie und Wo genau sind noch unbekannte Größen. Swietly gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass wir aus den Krisen der Vergangenheit zumindest eines lernen können: "Das Beste aus ihnen machen". (rom, derStandard.at, 26.11.2009)

Ernst A. Swietly, Große Finanzkrisen. Ein Kompass aus der Wirtschaftsgeschichte, Edition Steinbauer, Wien 2009, 255 Seiten, 22,50 Euro.

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  • Autor Ernst A. Swietly war im Dezember 2007 bei derStandard.at zu Gast im Chat zum Thema Bawag-Prozess.
    foto: derstandard.at

    Autor Ernst A. Swietly war im Dezember 2007 bei derStandard.at zu Gast im Chat zum Thema Bawag-Prozess.

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