Tastenwege

26. November 2009, 17:11
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Zwei Wege zum jazzigen Klavier: Uri Caine beschwört geräuschvoll und witzig die funkigen 70er-Jahre, Keith Jarrett sucht wieder die grausame Einsamkeit des Spielers

Schön ist es, wenn sich Musiker über die Möglichkeiten ihres Instrumentes hinausschwingen, allgemeine Konzepte entwerfen, die Kollegen in ausgeklügelte Klangwelten einbinden und verlangen, sich selbst zugunsten eines Gesamtsounds zurückzunehmen. Pianist Uri Caine hat genau in dieser Disziplin in den vergangenen Jahren Besonderes zuwege gebracht. Beginnend mit der symphonischen Wucherwelt Gustav Mahlers, bis hin zu Verdis Othello reicht seine Auseinandersetzung mit der Klassik, die er in freie Arrangements verpackte und - eine besondere Leistung - dennoch der Cross-over-Sackgasse entging. Er schaffte musikalische Großgemälde voller Subjektivität, in denen das Original durchschimmerte - aber doch in einem ganz ungewohnten Licht erstrahlte.

Es versteht sich, dass solche für Kollektive ersonnene Musikkathedralen eine Menge an Denk- und Tüftelarbeit erfordern. Zudem muss ein Solist wie Caine selbst zum Diener seiner Konzepte werden, also auf jenen Spaß verzichten, den ausgiebiges Improvisieren bereitet. Nur zu verständlich ist somit auch, dass Caine dann und wann "die Welt wechselt" und in kleinen Besetzungen der spontanen Gedankenproduktion freien Lauf lässt. Bei Bedrock - Plastic Temptation (Winter & Winter / Edel) geht der Jazzer denn auch im Trio ins funkige, soulige Fach mit aggressiven Techno-Einschüben über. Mit E-Piano-Mitteln werden auch die psychedelischen 1970er-Jahre heraufbeschworen. Immer aber ist bei Caine hier der spontane Tastenfuror zugegen. Er durchpflügt allerlei Stilwelten improvisierend; verspielt unberechenbar ist hier auch der Gesamtklang. Reminiszenzen durch ein Klavier, das klingt, als käme es aus einem alten Radio, werden dann zum Teil Opfer elektronischer Übermalungen. Geräuschvolle Dekonstruktion. Hier leistet sich einer bewusst etwas Übermut - auch konzeptuell, indem er fast chaotisch wirkt.

Es gibt natürlich auch Musiker, die Abwechslung nicht zu brauchen scheinen, sich selbst auch noch genügen. Ja die Einsamkeit der Spielers regelrecht suchen, wie der in diesem Bereich nach wie vor beharrlich tätige Pianist Keith Jarrett. Mit Testament (ECM/Lotus) hat er nun wieder auf drei CDs Konzerte in London und Paris eingefangen, bei denen er eine "Reise ins Unbekannte" antritt, also sich auf die Situation einlässt, um als Medium möglichst grandiose, spontane Eingebungen zu empfangen.

Nun existiert längst eine CD-Wand voll von Liveaufnahmen dieser Art. Man kann also nun nicht behaupten, dass Testament sich extrem von den Vorgängerproduktionen unterscheidet, auch wenn der emotionale Hintergrund der Aufnahmen mit der Tatsache zusammenhängen soll, dass Jarrett zu dieser Zeit (Winter 2008) von seiner Frau verlassen wurde, was er auch ausgiebig in einem Text darstellt.

Gute Musik ist dennoch entstanden. Und bedenkt man, dass Jarrett eine der heikelsten, unberechenbarsten Spielsituationen aufsucht, die im Jazz existieren, ist es immer spannend, zu hören, welche Lösungen er eben in gewissen Augenblicken des Improvisierens findet, um die erstöhnten Stunden musikalischer Einsamkeit (man hört den Meister wieder lei- den ...) substanzvoll zu gestalten. Das gelingt ihm. Vieles ist ziemlich komplex - nur weniges die übliche akustische Kaminfeuerbegleitung. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 27.11.2009)

 

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    US-Pianist Uri Caine gönnt sich diesmal Freiraum und konzeptuelles Chaos

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