Das Dilemma der forschungsgeleiteten Lehre

26. November 2009, 10:40
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Herrschende Strukturen machen es vor allem Jungwissenschaftern schwer, Forschung und Lehre unter einen Hut zu bringen

Wien - Die Situation auf den Unis ist prekär. Die Probleme in der Lehre sind kein Geheimnis: Überfüllte Hörsäle, zu wenig Seminarplätze und prinzipiell schlechte Betreuungsverhältnisse. Zusätzlich herrscht das Klischee der Professoren, die sich nur auf Forschung konzentrieren und die Lehre stiefmütterlich behandeln.

"Das Vorurteil stimmt nicht", sagt Michael Schwarz, Dekan der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. "Bisher ist das Verhältnis von Lehre und Forschung auf der Uni Wien gut ausbalanciert, ich fürchte aber, dass es sich in Richtung Lehre verschiebt." Anlass zur Sorge geben die aktuellen Entwicklungen, zuletzt Hahns Vorstoß, den Unis 34 Millionen Euro zu geben, die sie aber nur in die Lehre investieren dürfen.

Bei der derzeitigen Zahl an Studierenden bräuchte es mehr Lehrpersonen, findet Schwarz. "Aber man muss mehr Professoren einstellen, nicht externe Lehrende", sagt er. "Nur so kann man die Quantität mit der Qualität steigern." (Siehe Interview unten.) Denn man solle die Uni nicht mit der Mittelschule verwechseln.

"Die Uni bekennt sich zur forschungsgeleiteten Lehre", sagt Schwarz. "Das meint eine Lehre, die mehr von Fragen als Antworten kommt." In welchem Verhältnis Lehre und Forschung zueinander stehen, darüber scheiden sich die Geister. Manche fürchten, dass durch den Bologna-Prozess und die damit verbundene starke Verschulung des Studiums die Forschung auf der Strecke bleibt.

Der Verschulungsversuch erfährt Widerstand von den vorherrschenden Prioritäten im Wissenschaftsbetrieb. Denn dort legt man das Augenmerk traditionell mehr auf die Forschung als auf die Lehre. Franz Embacher, Physiker an der Universität Wien, begründet: "Engagement in der Lehre bringt selten etwas für die Karriere."

Publish or perish

Günther Pass, Leiter des didaktischen Zentrums für Biologie, sieht den Trend, dass die Lehre weiter ins Abseits gerät. Grund dafür sei der enorme Leistungsdruck in der Forschung, der auf den Jungwissenschaftern lastet. "Es heißt: Publish or perish", erklärt er. "Man muss viel publizieren, da scheitert es beim Lehren nicht an der Begeisterung, sondern an den Zeitressourcen."

Gerade Jungwissenschafter, die am Anfang ihres Doktoratsstudiums stehen, können durch die Lehre überfordert sein. Bei den Politikwissenschaften etwa bekommen viele Leute einen Lehrauftrag, aber keine Einschulung dafür. "Da steht plötzlich ein Doktorand vor 60 Studierenden, ohne darauf vorbereitet zu sein", erzählt Thomas König vom Graduiertenzentrum der Sozialwissenschaften.

Embacher ist in solchen Fällen für eine Grundausbildung der Lehrenden, wie etwa einem "Kompetenzprofil für Junglehrende", wie es auf der Uni Wien überlegt wird.

Für König ist das Ganze eher ein strukturelles denn finanzielles Problem: "Es muss für Doktoranden mittelfristige Lehrangebote geben", sagt er. "Die Uni hätte das Geld, es fehlt nur das Konzept." Im Rahmen ihrer Autonomie hätten die Unis durchaus Spielraum.
Der heikle Balanceakt zwischen Lehre und Forschung ist so alt wie die Unis selbst. Aktuell trägt der Bologna-Prozess zu einer Präfe-renzverschie-bung bei. (Astrid-Madeleine Schlesier, DER STANDARD, Printausgabe, 25.November 2009)

 

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