Durchzugsverkehr statt Verkehrsberuhigung

26. November 2009, 15:27
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Auch NÖ-Radhelmpflicht und ein kroatischer Kreisverkehr laut "PlattMobil" besonders schlechte Verkehrslösungen

Gegen den Willen der Bevölkerung wurde in Mödling eine verkehrsberuhigte Straße nach 15 Jahren für den motorisierten Durchzugsverkehr geöffnet. "Selbst über 400 Unterschriften der Betroffenen konnten den Verkehrsstadtrat nicht von dieser für die Anrainer und deren Lebensqualität einschränkenden Maßnahme abhalten", begründet die "Plattform für nachhaltige Mobilität", kurz "PlattMobil", warum die Verkehrshimbeere 2009 an die Gemeinde Mödling geht. Mit dem heuer erstmals vergebenen Preis sollen schlechte bauliche Lösungen, aber auch Gesetze und Regelungen aufgezeigt werden, die eine Entwicklung des Verkehrssystems in Richtung Nachhaltigkeit bremsen (derStandard.at berichtete).

"Sanfte Mobilität konnte hier gelebt werden"

Die nun als Negativ-Beispiel prämierte Südtirolersiedlung in Mödling ist ein aus mehreren Gassen bestehendes kleinräumiges Wohngebiet, in dem laut Einreichungsunterlagen überdurchschnittlich viele Radfahrer unterwegs waren. "Sanfte Mobilität - auch mit Kindern - konnte hier gelegt werden", heißt es weiter. Da die Lage der Siedlung einen Schleichweg ermöglicht, ist vor 15 Jahren ein Schranken errichtet worden, der die Durchfahrt nur Einsatzfahrzeugen, City-Bussen und Radfahrern erlaubt.

Trotz Bürgerprotesten und der Überreichung von 437 Unterschriften wurde am 9. Oktober dieses Jahres in einem Gemeinderatsbeschluss "mit der Entfernung des Schrankens in der Salurnergasse der Schleichweg für den motorisierten Durchzugsverkehr freigegeben". Radfahren und zu Fuß gehen sei nun vor allem für Kinder zu gefährlich geworden, es müssten vermehrt Wege wieder mit dem Auto zurückgelegt und der Durchstich selbst erst "mit viel Geld für den neuen Verkehr asphaltiert werden", wird in der Einreichung kritisiert. Eine Argumentation, der sich "PlattMobil" anschließt: "Das ist ein Beispiel dafür, wie Politik keine Rücksicht nimmt. 15 Jahre hat hier eine funktionierende Lösung bestanden, für die es eindeutige demokratiepolitische Zeichen gibt. Während der Schleichweg nur wenigen zugute kommt, müssen die Bewohner nun die Belastungen tragen", so Obmann-Stellvertreter Harald Frey gegenüber derStandard.at.

Sonderpreis für Radhelmpflicht

Ein Sonderpreis für untaugliche Gesetze und Regelungen geht an die Landtagsklubs der ÖVP und SPÖ in Niederösterreich für den Beschluss der Radhelmpflicht für unter 15-Jährige im Rahmen des niederösterreichischen Sportgesetzes sowie die Aufforderung an den Nationalrat, diese Regelung auch in die StVO zu übernehmen. Laut Frey würdigt die Jury damit zwei Umstände: "erstens die geringe Praxistauglichkeit dieses Gesetzes und zweitens die Absicht des Landeshauptmannes und der beiden Fraktionen, eine Maßnahme bundesweit umsetzen zu lassen, die sich schon anderswo als Unsinn erwiesen hat."

So sei es in Ländern, in denen bereits ähnliche Maßnahmen umgesetzt wurden, zu "einer Reduktion der Radfahrenden und damit auch zur Verringerung der individuellen Verkehrssicherheit" gekommen. Eine steigende Anzahl der Radfahrer hingegen bedinge eine größere Rücksichtnahme durch Autolenker und verringere damit das Risiko des Zusammenstoßes, nicht erst der Verletzung. "Für viele, die etwa mit dem Rad in die Arbeit fahren, verliert das Radfahren mit der Helmpflicht an Attraktivität. Manche wägen sich zudem mit einem Helm subjektiv in einem falschen Sicherheitsgefühl", erklärt Frey.

Kreisverkehr mit dunkler Unterführung

Für einen Kreisverkehr an der Umfahrungsstraße, der zwar auf die Bedürfnisse der Autofahrer "großzügig Rücksicht" nimmt, die Fußgeher aber "gleichzeitig auf Umwegen durch eine dunkle, enge und unattraktive Unterführung" zwingt, bekommt die kroatische Gemeinde Vodice einen weiteren Sonderpreis. Die Jury, bestehend aus zehn Fachleuten aus dem Gebiet der Verkehrs- und Siedlungsplanung, sei "sprachlos" gewesen "über diese Art von Verkehrsplanung im Europa des 21. Jahrhunderts".

Der Schwerpunkt der Einreichungen lag laut Frey in Ostösterreich. "Heiße Kandidaten" aus Wien seien das Rechtsabbiegen bei Ampelanlagen mit reduzierten Grünzeiten für Fußgänger oder das Hauptbahnhof-Projekt gewesen. Auch die Nichtfreifahrt für Sozialhilfeempfänger bei den Wiener Linien wurde als behebenswertes Negativ-Beispiel vorgeschlagen. Die "Verkehrshimbeere", dem Namen nach an die berühmt-berüchtigte "Goldene Himbeere" für besonders schlechte Leistungen in der Filmwelt angelehnt, soll auch in Zukunft wieder ausgelobt werden, um auf Worst-Case-Beispiele in Sachen nachhaltiger Mobilität aufmerksam zu machen. (glicka, 26. November 2009)

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    Mit dem Beschluss der Radhelmpflicht für unter 15-Jährige beschreiten die Landtagsklubs von ÖVP und SPÖ in Niederösterreich nach Ansicht von "PlattMobil" einen falschen Weg.

  • Die nicht gerade einladende Unterführung eines Kreisverkehrs in Vodice war der "Plattform für nachhaltige Mobilität" einen Sonderpeis wert.
    foto: wurz

    Die nicht gerade einladende Unterführung eines Kreisverkehrs in Vodice war der "Plattform für nachhaltige Mobilität" einen Sonderpeis wert.

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