Abrechnungen mit Newton

25. November 2009, 18:48
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Carl Djerassis und Isabella Gregors Stück "Verrechnet" re- und dekonstruiert einen Mathematikerskandal

Wien - Carl Djerassi ist sich der Schwierigkeit seines gewagten Unterfangens wohl bewusst: Mathematik habe am Theater nichts verloren - außer bei der Abrechnung der Einnahmen, lässt er einen Helden seines neuen Stückes zwischendurch einmal sagen. Und wenn man es trotzdem versucht? Die paradoxe Lösung liegt im Zitat: Selbstreflexion. Oder besser: in einem Theaterstück darüber, wie man ein Stück über einen legendären Mathematikerstreit auf die Bühne bringen könnte.

Der handfeste Skandal, um den es in Verrechnet geht, ist historisch verbürgt: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stritten sich Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz, wer von beiden die Infinitesimalrechnung erfunden habe.

Um die Frage "endgültig" zu entscheiden, wurde 1712 in London eine Kommission der ehrwürdigen Royal Society eingesetzt. Die kam zum ziemlich falschen Urteil, dass Leibniz von Newton abgeschrieben habe - was das Verhältnis zwischen englischen und kontinentalen Mathematikern für Jahrzehnte vergiften sollte.

Der mittlerweile 83-jährige Djerassi, der als Forscher die Antibabypille mitentdeckte und sich seit gut 20 Jahren auf die Schriftstellerei verlegte, hat einige entlegene Fakten über den Streit und Newtons ziemlich infame Einflussnahme zusammengetragen und diese gemeinsam mit Ko-Autorin und Regisseurin Isabella Gregor zu einer raffinierten Komödie arrangiert: Er lässt zwei englische Theaterleute im Jahr 1725 ein Stück über den Wissenschaftsskandal besprechen, schreiben und proben. Dazu kommt eine amouröse Dreiecksgeschichte mit Jungschauspielerin.

Das klingt kompliziert - und ist es auch. Dass das mehr als doppelbödige Spiel im Spiel auf der Bühne des Stadttheaters Walfischgasse dennoch zu einem Abend klugen Edutainments wurde, lag neben der inspirierten Regie Gregors auch an der Leistung des Ensembles: Nicole Ennemoser, Nicolaus Hagg und Helmut Rühl gelingt es im Laufe von Verrechnet, rund ein Dutzend Rollen distinkt darzustellen.

Hilft die etwas überholte postmoderne Selbstreflexivität bei der Vermittlung, so muss sie allerdings die moralische Botschaft dekonstruieren: der Kritik an Newton wird gewissermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen.

Unterhalt- und gelehrsamer als gleichnamige ORF-Wissensmagazin ist Verrechnet aber allemal - und zwar nicht nur infinitesimal. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2009)

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