Krise ohne Ende

25. November 2009, 18:39
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In Europa wurden durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise bisher vier Millionen Arbeitsplätze vernichtet

Die Anzeichen mehren sich, dass die größte Wirtschaftskrise seit acht Jahrzehnten keineswegs vorbei ist und dass die bisher hinterlassenen Wunden noch lange nicht heilen werden. Im Gegensatz zu den optimistischen Vorhersagen mancher Politiker und Bankiers hat kürzlich der angesehene Financial Times-Kommentator Martin Wolf gewarnt, es bestehe die Gefahr, dass die Rettungsmaßnahmen nicht zu mehr Sicherheit, sondern zu noch größeren Risken im Finanzsystem und in nicht allzu ferner Zukunft zu einer noch schlimmeren Krise führen würden.

Die kürzlich veröffentlichten Berichte der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds lassen die Dimensionen der Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise erkennen. In Europa wurden bisher vier Millionen Arbeitsplätze vernichtet und bis Ende 2010 dürfte die Zahl auf sieben Millionen steigen. Denn der Stellenmarkt werde sich zunächst weiter verschlechtern, auch wenn sich die Wirtschaft erhole, heißt es im EU-Bericht.

Die EU-weite Arbeitslosenquote könnte von 9,2 Prozent im September 2009 im nächsten Jahr auf mehr als zehn Prozent steigen. Im größten US-Bundesstaat Kalifornien liegt die Arbeitslosenrate bei 12 Prozent; trotz der angeblich überwundenen Rezession haben fast 16 Millionen US-Bürger ihren Arbeitsplatz verloren.

Kein Wunder, dass die Amerikaner über die großen Profite und die riesigen Bonuszahlungen bei den von den Steuerzahlern geretteten Banken empört sind. Laut einer Umfrage des Time Magazine finden zwei Drittel der Befragten die Verdienste der Wall-Street-Manager völlig irre, und sieben von zehn verlangen, deren Einkommen durch die Regierung zu begrenzen. Die Bürger wurden vor allem durch das überschwängliche Selbstlob des Vorstandsvorsitzenden der New Yorker Investmentbank Goldman Sachs, Lloyd C. Blanfein, bis zur Weißglut gereizt. Dieser erklärte in einem Interview mit der Londoner Sunday Times, die Banken erfüllten einen "gesellschaftlichen Zweck". Er selbst sei kein böser Bonze, der die Öffentlichkeit verhöhnt, nur ein Banker, der "Gottes Arbeit" verrichtet ...

In dieser wirtschaftlichen und politischen Atmosphäre wollen übrigens Goldman Sachs und auch JP Morgan Chase, die die Finanzhilfe der Regierung zurückgezahlt haben, im Dezember Rekordboni in der Gesamthöhe von 20 Milliarden Dollar an ihre Angestellten ausschütten. Auch durch eine großangelegte PR-Aktion konnten freilich die Wall-Street-Finanziers ihren angeschlagenen Ruf keineswegs verbessern. Die New York Times schreibt, dass die Wall Street nichts gelernt habe, und berichtet vom unverhüllten Hass des "Mannes auf der Straße" wegen der neuerlichen Milliardengewinne der arroganten Investmentbankiers.

Zu Recht ist laut einer im Auftrag des britischen Rundfunksenders BBC erstellten weltweiten Umfrage die große Mehrheit der Weltbevölkerung unzufrieden mit dem Kapitalismus. Die meisten (so zum Beispiel drei Viertel der Deutschen) wünschen sich mehr staatliche Regulierung der aus den Fugen geratenen Wirtschaft. Keinen Turbokapitalismus also, sondern eine wahrhaft soziale Marktwirtschaft und eine Korrektur des so ungleich verteilten Wohlstandes. (Paul Lendvai, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2009)

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