Christopher Hamptons kleines Horváth-ABC

25. November 2009, 18:32
posten

Ein Oscar-Preisträger dichtet für das Josefstadt-Theater und präpariert aus dem Romanstoff eine unheimliche Stimmung heraus

Wien - Ödön von Horváth hat es nun nicht mehr vermocht, im Auftrag des Wiener Josefstadt-Theaters seinen eminent hellsichtigen Roman "Jugend ohne Gott" (1937) in eine Spielvorlage umzuwandeln. Horváth starb bereits 1938 im Exil. Ihn traf aus keineswegs heiterem Himmel ein morscher Ast am Kopf. Auch dem "Lehrer" in Jugend ohne Gott - Cornelius Obonya spielt ihn, Josefstädter Premiere der Spielfassung ist am Donnerstag um 19.30 Uhr - wird eine verblüffende Erkenntnis zuteil. Sie ist nicht aus Holz, mündet aber ebenso wirksam in Mord und Totschlag.

Der britische Hollywood-Autor und Oscar-Preisträger Christopher Hampton, seit den 1970er-Jahren ein ausgewiesener Horváth-Spezialist, spürt der nazistischen Gewalt im Gymnasiastenmilieu nach. In Horváths Text gibt es noch keine Vernichtungslager: keine Zivilisationsbrüche, keine völkisch verbrämten Morde.

Aber Hampton, der 1989 für seine Drehbuchvorlage der "Gefährlichen Liebschaften" den Oscar erhielt, präpariert aus dem Stoff eine unheimliche Stimmung heraus, die eine sittliche Katastrophe ankündigt: Er verwandelt Horváths vermeintlich treuherzigen Roman in ein Kriminalstück. Übrig bleibt eine schnarrende Ballade über den Verfall der Verantwortungsethik. Man ist versucht zu sagen: Dieses Spiel zwischen verhetzten Halbwüchsigen ist großes Kino.

Warum gerade dieses Buch aus dem "Zeitalter der Fische" (so nannte Horváth die moralische Unbedenklichkeit der damals heranwachsenden Jugend)? Hampton: "Mich interessiert das Thema Mitläufertum und Opportunismus: Wie würden wir uns in einem solchen System der Unterdrückung verhalten? Es ist für niemanden bequem, gegen Dummheit und Lüge aufzutreten."

Auch Horváth selbst, sagt Hampton, habe sich als Mitläufer angeklagt. Er habe eine Zeitlang sogar erfolglos versucht, sich mit dem Hitler-System zu arrangieren. Dann ging er. Ein Ast erschlug ihn. In einem Hampton-Stück ("Tales from Hollywood") zeigt sich Horváth von seinem letalen Malheur völlig unbeeindruckt - und parliert munter weiter mit Bertolt Brecht und den Mann-Brüdern im kalifornischen Exil in Pacific Palisades.

"Ich verstehe Horváths Zerrissenheit" , sagt Hampton, der ein Freud/C.-G.-Jung-Stück geschrieben hat, das im kommenden Jahr von David Cronenberg verfilmt werden soll: "Wir heute haben auch wirtschaftlich angespannte Zeiten vor uns, folglich wird die Ausländerdebatte wieder aufgeheizt werden." Auf der Strecke blieben dabei die "wirklichen Gedanken" . Das Theater? Er glaube ans Theater ("Immer noch!" ). Er möchte, sagt Hampton, "zu einer besseren, einer ,gesünderen‘ Welt beitragen" . Stücke wie Jugend ohne Gott seien daher "Beiträge" (Brecht hätte in finsterer Zeit gesagt: "Versuche" .)

Wie aber zerlegt man sachgemäß einen Roman für das Theater? Hampton weist mögliche Bedenken zurück: "Ich schreibe ja vorwiegend für den Film, und beim Film ist es ganz normal, dass man sich literarischer Vorlagen bedient. Ein gutes Buch wird verfilmt, punktum. Warum soll das am Theater anders sein?"

Man müsse aus Horváths Prosa die "dramatische Intention" herauslesen: Der Held, ein Lehrer, glaubt, sich aus den schlimmsten Verstrickungen seiner verwahrlosten Zöglinge heraushalten zu können. Der Durchschnittsliberale in unseren Wohlstandsbreiten hält fest am Prinzip der Sauberkeit: Wer moralische Standards vertritt, macht sich die Manschetten nicht schmutzig. Doch Horváths Lehrer muss Abbitte leisten (für das Drehbuch zu Ian McEwans "Abbitte" erhielt Hampton übrigens eine Oscar-Nominierung).

Der Autor zuckt die Achseln: Es sei jedenfalls leichter, einen Roman für das Theater als für das Kino zu adaptieren. Das hänge mit der Bilderwelt der Prosa zusammen. Hampton wischt mögliche Einwände freundlich beiseite: "Dieser Text musste einfach auf die Bühne. Er ist so wichtig." (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2009)

 

  • C. Hampton wurde für das Wiener Josefstadt-Theater aktiv
 
    foto: schell


    C. Hampton wurde für das Wiener Josefstadt-Theater aktiv

     

Share if you care.