Die betrogene Generation

25. November 2009, 18:15
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Die Senioren setzen sich durch, die Jüngeren haben das Nachsehen

Wenn es um die Bedürfnisse der Pensionisten geht, dann reagiert die Politik schnell. Wenn junge Menschen Forderungen stellen, dann dauert es Wochen, bis man sich mit ihren Anliegen ernsthaft auseinandersetzt. Dann werden, wie beim Hochschuldialog am Mittwoch geschehen, Arbeitsgruppen eingesetzt, die erst nach Monaten Ergebnisse vorlegen sollen. Diese werden vorab als unverbindliche Empfehlungen bezeichnet. So wird bei Vertretern der jungen Generation das Gefühl verstärkt, dass sie zwar angehört, aber nicht gehört werden.

Das kann man von Seniorenvertretern nicht behaupten. Sie haben sich zwar diese Woche nicht mit ihrer Forderung zur Gänze durchgesetzt, aber ein Plus von 1,5 Prozent liegt über dem Abschluss der Metaller, der als Richtschnur für Gehaltsverhandlungen eines Jahres gilt. Lohnerhöhungen fallen demnach geringer aus als Pensionserhöhungen. Politiker reagieren immer auf den Druck der Seniorenvertreter. Noch offensichtlicher war es im Vorjahr, als wenige Tage vor dem Wahltermin die Pensionen weit über die Inflationsrate hinaus mit einem Plus von 2,1 Prozent erhöht und die Hacklerregelung bis 2013 verlängert wurde.

Die Vertreter der Seniorenlobby - vertreten durch Karl Blecha und Andreas Khol - können viel mehr durchsetzen, als dies die Besetzer der Hörsäle bisher vermocht haben. Dabei machen Letztere zu Recht nicht nur auf unzumutbare Studienbedingungen aufmerksam, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert haben. Der Studierendenandrang hat sich vergrößert, die Kapazitäten an den Hochschulen wurden nicht angepasst. Die Abschaffung der Studiengebühren war kein Beitrag zur Lösung des Problems, sondern eine Demonstration der innerkoalitionären Machtverteilung.

An den Universitäten und Schulen entscheidet sich die Zukunft des Landes. Es geht nicht nur um Bildungsmöglichkeiten für die junge Generation, es entscheidet sich in diesem Bereich die Innovationsfähigkeit eines Staates. Die nordischen Staaten haben es vorgemacht. Wie die OECD-Studien in schöner Regelmäßigkeit vor Augen führen, hat Österreich einen Nachholbedarf sowohl bei den Studienanfängern als auch bei den Abschlüssen. Daraus lässt sich nur die Schlussfolgerung ableiten, dass mehr zur Steigerung der Absolventenquoten getan werden muss, um überhaupt ins internationale Mittelfeld zu gelangen.

Im Pensionsbereich gibt es einen Spitzenplatz. Österreich ist Vize-Europameister bei Frühpensionen. Österreicher gehen im Durchschnitt mit 58,3 Jahren in Pension - lange vor dem gesetzlich vorgesehenen Alter. Seit 2002 ist das Pensionseintrittsalter österreichischer Männer fast um ein Dreivierteljahr gesunken, das der Frauen sogar um ein Jahr. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung um 1,4 Jahre bei Männern, um ein Jahr bei Frauen.

In Österreich gibt es ein Pensionssystem, das im Umlageverfahren organisiert ist. Immer weniger junge Menschen müssen den Lebensstand von immer mehr Älteren finanzieren. Auch diese Regierung hat bisher nichts unternommen, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern.

Diese Asymmetrie löst bei jungen Menschen das Gefühl aus, betrogen zu werden: um Ausbildungschancen, um Lebensperspektiven. Denn irgendwann muss das Pensionseintrittsalter auch in Österreich erhöht werden. Geschürt wird damit auch eine Neiddebatte, die in geschmacklosen "Kukident-" und "Vampir-Vergleichen" gipfelt.

Die Politik schreckt davor zurück, eine gerechtere Lasten- und Chancenverteilung vorzunehmen. Notwendig ist eine Generationenpartnerschaft, ein neues Solidarsystem. Auch darum geht es beim Protest an den Hochschulen, dem Protest der jungen Generation. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD-Printausgabe, 26. November 2009)

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