Die blinden Flecken der Professoren

25. November 2009, 18:11
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Und warum sie sich gemeinsam mit den Studenten gegen die "McDonaldisierung der Bildung" wehren sollten

Hochschullehrer erklären in diesen Tagen gerne den Studenten auch außerhalb der Hörsäle, wie Universitäten zu funktionieren haben (vgl. die zuletzt an diese Stelle publizierten Kommentare von Christian Fleck, Elisabeth Nemeth und Karl Heinz Gruber). Man argumentiert historisch, pädagogisch, soziologisch, man ist für Bologna und gegen Humboldt, oder umgekehrt, oder sowohl als auch .... - Was Uni-Professoren in ihren öffentlichen Statements jedoch nicht thematisieren, ist, dass sie genauso wie die Studenten machtlos sind.

Die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraums und relevanter innerstaatlicher Gesetzeswerke wurde indirekt in den Verträgen der "World Trade Organization" (WTO) beschlossen. Das GATS-Abkommen sieht vor, dass nicht nur Dienste der öffentlichen Daseinsvorsorge, sondern auch Unis aus der bürokratischen Steuerung der Ministerien entlassen werden und sich autochthon auf dem Markt beweisen müssen.

Diktat der WTO

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer hat berichtet, wie das WTO-Regelwerk im deutschen Bundestag verabschiedet wurde: Keiner der Abgeordneten hatte das 20.000 Seiten lange Dokument gelesen, ohne Ankündigung in der Tagesordnung wurde es wie die nebensächliche Ergänzung einer Gebührenordnung mit ostblockhafter Mehrheit (bei sechs Gegenstimmen) behandelt. Die EU-Kommission folgt nun dem Order transnationaler Akteure (Bildungsforscher) und Institutionen (OECD, WTO) und macht aus Hochschulen, deren sakraler Kern einst das Forschen und Lehren in Freiheit waren, offene Wissensagenturen, die auf konkurrierenden Märkten Bildung anbieten. Man mag nun diese Freisetzung der Universitäten begrüßen oder nicht. Eins ist klar: Wichtige "stakeholder" der Universitäten, nämlich Professoren, Lektoren und Studenten hatten bei all diesen Beschlüssen kein Wort mitzureden. Die Litanei von "Wettbewerb" , "Transparenz" und "Qualitätsmanagement" wird jetzt nicht nur mehr von Sparkassendirektoren, sondern auch von Rektoren und Hochschulprofessoren derart selbstverständlich heruntergebetet, dass man sich keine andere Welt mehr vorstellen kann. Wer gegen betriebswissenschaftliche Denkmuster in Lehre und Forschung protestiert, wird als renitenter Defätist und Gralshüter alter Privilegien gegeißelt. Dabei vergisst man, dass das neue Uni-Modell im Wesentlichen ein Diktat darstellt, das von keiner breiten Mehrheit legitimiert wurde.

Der für seinen extravaganten Sprachduktus bekannte Soziologe Pierre Bourdieu hätte möglicherweise behauptet, dass in der schönen, neuen Uni-Welt österreichische Professoren und Studenten "homologe Positionen" einnehmen. Damit ist gemeint, dass sich beide gleichermaßen als Leistungserbringer bewähren müssen. Auf der einen Seite wird penibel die Lehre und Forschung evaluiert, auf der anderen Seite die studentischen Erfolge. In den global zur Dominanz gelangten ökonomischen Denkmodellen sind sie gleichermaßen Auftragnehmer (Agenten), die von Auftragnehmern (Prinzipale) kontrolliert werden müssen. Diesen "Agenten" wird prinzipiell Misstrauen entgegengebracht, den sie stehen pauschal unter dem Verdacht faul zu sein. Deswegen werden beide gezwungen in möglichst kurzen Abständen Rechenschaft abzulegen. Jede Lehrveranstaltung wird evaluiert, jedes Semester die Wissensbilanz in einer Datenbank erneuert und die Drittmittelaufbringung scheint zum wichtigsten Bewertungskriterium von wissenschaftlicher Originalität avanciert zu sein. Diese akademische Blutdruckmessung ist nicht nur verzerrend, sondern hat auch zur Folge, dass Myriaden von durch Drittmittel finanzierten "wissenschaftlichen Mitarbeitern" vorgegaukelt wird, sie hätten eine Perspektive in der Wissenschaft. In Wirklichkeit haben sie aufgrund der Personalstruktur auf den Unis keine Karriereaussichten.

Für Studenten bedeutet hingegen das neue Regime des akademischen Kapitalismus, dass sie ECTS-Leistungspunkte durch den Besuch von "Modulen" sammeln müssen. Wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann, der zu den wenigen Professoren zählt, der den Weg ins besetzte Audimax der Wiener Uni gefunden hat, ebenfalls an dieser Stelle ausführlich dargestellt hat, orientieren diese Module nicht an inneren Aufbau einer Wissenschaft, sondern folgen der Logik eines industriellen Satzkastens.

Am Ende des Studiums beherrscht ein Bachelor das Fach nicht, aber er ist nützliches Humankapital für den "Wirtschaftsstandort Österreich" . Was zählt ist der (kurzfristige) Prüfungserfolg und nicht die umfassende Bildung. So macht Studieren keinen Spaß mehr.

Folgt man dem Bamberger Soziologen Richard Münch wird es zu einer McDonaldisierung der Bildung kommen. Die breite Masse wird mit standardisierten Produkten versorgt werden. Der Vorteil: Viele Menschen erwerben Bildung auf niedrigem Niveau. Der Nachteil: Bildung wird entwertet und neue Eliten versuchen sich in neuen "Exzellenz-Programmen" von der breiten Masse abzuschotten.

Lehrer auf die Straße!

Dieser Trend wird zu einer Konzentration von finanziellen Ressourcen auf wenige Unis und einer finanziellen Aushungerung von Provinzuniversitäten führen. Spätestens dann werden die Professoren doch ein wenig heftiger gegen das neue Bildungsmodell rebellieren. Sie werden merken, dass sie als lokale Wissenseliten ähnlich wie die Studenten machtlos sind. Die neue europäische Hochschulpolitik wurde auf globaler Ebene beschlossen, nach der Meinung österreichischer Professoren hat keiner gefragt.

Falls sie tatsächlich gehört werden wollen, dann müssen sie genauso wie die Studenten ihren Wut über den neuen Bildungsunsinn auf der Straße oder in besetzten Hörsälen kundtun. Genau dort könnten dann Professoren und Studenten in Augenhöhe ihre Interessen abgleichen - ein Konsens sollte möglich sein. (Philipp Korom/DER STANDARD-Printausgabe, 26. November 2009)

Zur Person:

Philipp Korom (geb. 1983) ist Doktorand der Soziologie am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

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