"Bei MAN hat offenbar die interne Polizei versagt"

25. November 2009, 21:50
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Korruptionsexperte Petsche vermutet, dass es beim deutschen Konzern mit Antibestechnungs-Maßnahmen nicht weit her war

Korruptionsexperte Petsche vermutet, dass es beim deutschen Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN mit Antibestechnungsmaßnahmen nicht weit her war. Er empfiehlt, auch in Österreich genau zu prüfen.

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Wien/München - Die jüngste Korruptionsaffäre um den Münchener Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN sorgt nun auch in Österreich für Unruhe. Weil sich der deutsche Konzern - Marktführer bei Lkws in Österreich - mehr und lukrativere Aufträge sichern konnte als Mitbewerber, hoffen diese insgeheim auf eine nachträgliche Prüfung der Vorgänge.

Das empfiehlt auch Alexander Petsche, Partner der international tätigen Kanzlei Baker & McKenzie. „Bei MAN hat offenbar die interne Polizei versagt", sagte Petsche, der sich auf Compliance (Korruptionsabwehr in Unternehmen) spezialisiert hat, dem Standard. „Um den Fall aufzuarbeiten, muss jede Region, in der der Konzern tätig war, genau untersucht werden."
Bei MAN ist im Mai eine Schmiergeldaffäre großen Stils aufgeflogen. Die Staatsanwaltschaft München geht dem Verdacht nach, dass vor allem im Lkw-Geschäft Verkäufer in den Niederlassungen Bestechungsgeld an Mitarbeiter von MAN-Kunden zahlten, um Verkäufe anzukurbeln. Die Ermittler haben gut 100 Beschuldigte im Visier. Es handelt sich um den zweiten großen Korruptionsskandal nach Siemens, der Deutschland erschüttert. Das Geld soll zum Teil über Konten von Angehörigen und Freunden der Empfänger geflossen sein.
Eine Reihe von Führungskräften bei MAN musste bereits gehen. In Österreich wurde im Oktober Martin Scharrer nach nur zwei Jahren als Leiter der Vertriebsregion Süd abgelöst. Ihm folgte Jeroen Lagarde nach. Am Montag trat schließlich der Oberboss des MAN-Konzerns, Hakan Samuelsson, zurück.

Für den MAN-Aufsichtsrat unter Führung von Ferdinand Piëch, der auch dem Aufsichtsrat von VW vorsitzt, ist die Affäre damit nicht abgehakt. Der Abgang Samuelssons sei für den Aufsichtsrat nur ein Teil der Antwort, berichtete die Süddeutsche Zeitung am Mittwoch unter Berufung auf Unternehmenskreise. Weitere Vorstände müssten um ihren Job bangen.

Prüfung von Regresschancen

In einem Bericht der vom MAN-Aufsichtsrat beauftragten Anwaltskanzlei Wilmer Hale würden auch Nutzfahrzeugchef Anton Weinmann und Finanzvorstand Karlheinz Hornung Versäumnisse in der Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre angelastet, schreibt das Handelsblatt. Der Aufsichtsrat wer_de in seiner Sitzung am 11. Dezember prüfen, ob Verantwortliche in der Schmiergeldaffäre in Regress genommen werden können.
Samuelssons Rücktritt kommt Piëch einem Branchenkenner zufolge nicht ungelegen. Samuelsson sei nicht nur für Sanierung und Neuausrichtung gestanden, sondern auch für Eigenständigkeit. Piëch aber träume von einem integrierten Konzern unter Führung von VW, der alles anbiete - vom Kleinwagen bis zum 40-Tonner.
Inzwischen zeichnet sich ab, dass VW den Lastwagenbauer im Falle einer Übernahme als eigenständige Marke führen wird. Analysten halten eine Fusion für wahrscheinlich. Christian Breitsprecher, Experte von Sal. Oppenheim, hält sowohl eine Verschmelzung mit der schwedischen VW-Tochter Scania als auch mit dem Konzern für denkbar. „Eine Fusion bedeutet nicht, dass die Marken nicht eigenständig bleiben." Er verwies auf die Marken VW und Au_di als Beispiel, die auf dem Markt voneinander unabhängig agieren, sich aber Technologie und Komponenten teilen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.11.2009)

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    Der Lkw-Bauer MAN steht im Zentrum einer Korruptionsaffäre. Vorstandschef Samuelsson ist zurückgetreten, weitere Jobs wackeln.

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