"Als ob sich niemand für ihr Überleben interessiert"

26. November 2009, 18:40
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Expertin kritisiert starke rechtliche Benachteiligungen von Gewaltopfern und fordert stärke Vernetzung und Frauen-Lobby

Berlin - Wenn Frauen Opfer von Gewalttaten werden, bleibt ihnen mangels entsprechender Hilfen meist nichts anderes übrig als zu resignieren und mit ihrem Schicksal zu leben. Das betont Anneliese Langner, Gründerin der Stiftung "Dimicare" anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen. "Frauen und Kinder stehen rechtlich oft alleine da und brauchen dringend eine Interessensvertretung. Zudem sollten sie ermutigt werden, vorhandene Hilfen mehr in Anspruch zu nehmen", so Langner.

Kopf im Sand

Erleide eine Frau Gewalttaten - etwa bei Missbrauch durch den Partner - so habe sie kaum Möglichkeiten, schnell zu ihrem Recht zu kommen, so Langner. "Das rechtliche Prozedere ist derart kompliziert, dass die Faktenklärung meist Jahre dauert. Opfern fehlt meist die Kenntnis des Rechtssystems, und ohne finanzielle Schlagkraft können sie sich kaum einen guten Anwalt leisten." Außer der schlechten juristischen Chance sei mit einer Anklage oft auch gesellschaftliche Ächtung verbunden. "Viele Frauen entwickeln große Angst vor der Verteidigung, stecken den Kopf in den Sand und sind so naiv zu glauben, sie könnten in einer devoten Rolle erfolgreich sein. Die Realität ist allerdings eine andere."

Krise verstärkt Gewalt

Hürden für das Einholen von Hilfe haben laut Langner besonders sozial benachteiligte Frauen, wobei deren Zahl aktuell stark ansteige. "Finanzielle Unabhängigkeit ist Frauen nur möglich, wenn sie lebenslang einen gut bezahlten Beruf ausüben. Bei alleinerziehenden und älteren Frauen schreitet jedoch die Verarmung voran. Vielen fällt es immer schwerer, in einer Großstadt die Miete einer Zweizimmerwohnung zu bezahlen, und immer mehr landen auf der Straße." Parallel dazu würden in der momentan unberechenbaren wirtschaftlichen Lage auch Gewalt- und Missbrauchsfälle zunehmen.

Staat versagt in der Frauenpolitik

Bisherige Maßnahmen des Gesetzgebers würden in der Situation kaum helfen. "Zwar werden Kinder- und Unterhaltsgeld immer wieder erhöht, doch entspricht das nicht den tatsächlichen Bedürfnissen. In Deutschland hat die jüngste Änderung des Unterhaltsrechts die prekäre Lage vieler Alleinerzieherinnen nur vorangetrieben." Es sei insgesamt kaum verwunderlich, dass die Geburtenrate in Europa trotz entsprechender Appelle nicht ansteige. "Man kann sich Kinder nicht mehr leisten. Zudem läuft die Familienpolitik darauf hinaus, Kinder schon früh ganztägig wegzustecken und Müttern keine Zeit mehr zu geben, Mütter zu sein", so Langer.

Frauen-Lobby dringend benötigt

Besser könnte die Situation in den Augen der Stiftungs-Gründerin nur dann werden, wenn sich Frauen stärker vernetzen, um so ihre Interessen zu vertreten. "Frauen und auch Kinder haben bei uns keine Lobby, wie dies etwa in den USA bereits der Fall ist. Es scheint, als ob sich niemand für ihr Überleben interessiert, deshalb werden Gesetze über die Köpfe hinweg entschieden."

Keine "Anti-Männer-Institution"

Mit ihrer eigenen Stiftung hilft Langner besonders Müttern und ihren Familien im Raum Berlin und Hamburg dabei, sich aus menschenunwürdigen Lebensumständen zu befreien. Wichtige Instrumente bilden eine Telefonhotline für den Akuteinsatz sowie Ferienlager für Kinder. Als "Anti-Männer-Institution" will sich Langner nicht verstanden wissen. "Auch Frauen werden gewalttätig und sind Täter. Allerdings müssen sie als Opfer meist schwierigere Situationen durchstehen als Männer, da sie die Kinder weiterbringen und versorgen, besonders wenn sie Alleinerzieherinnen sind." (pte)

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    "Frauen und auch Kinder haben bei uns keine Lobby, wie dies etwa in den USA bereits der Fall ist. Es scheint, als ob sich niemand für ihr Überleben interessiert, deshalb werden Gesetze über die Köpfe hinweg entschieden", meint die Gründerin der Stiftung "Dimicare".

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