Lichtsmog und der Verlust der Finsternis

24. November 2009, 20:43
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Zu viel Licht ist zum Sehen ebenso unbequem als zu wenig", sagte Christoph Martin Wieland, ein deutscher Dichter der Aufklärung. Zu seinen Lebzeiten waren die Nächte noch vorwiegend dunkel. Als er im Jahr 1813 starb, wurde in London als erster europäischer Metropole die Gasbeleuchtung eingeführt.

Bereits um 1900, als die elektrische Beleuchtung begann, die Straßen zu erobern, sahen Astronomen ihre Arbeit - die Beobachtung des Nachthimmels - signifikant beeinträchtigt. Wie Kunstlicht sukzessive die Nacht zum Tag machte und welche Ausmaße die "Lichtverschmutzung" heute erreicht hat, ist Thema des Bandes Das Ende der Nacht. Das Buch, das soeben mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums erschienen ist, markiert zugleich das Ende des heurigen internationalen Astronomiejahres.

Herausgegeben von Thomas Posch, dem Koordinator der heimischen Aktivitäten zum Astronomiejahr 2009 sowie Anja Freyhoff und Thomas Uhlmann, den Verantwortlichen für die Fernsehdokumentation Die dunkle Seite des Lichts, auf der das Buch basiert, gibt es einen beeindruckenden und ebenso beunruhigenden Überblick über die Auswirkungen des Verschwindens natürlicher nächtlicher Dunkelheit.

Längst geht es nicht mehr bloß um ungetrübten Blick der Astronomen auf die Sterne und das All: Die Störung des Tag-Nacht-Rhythmus durch die künstliche Erhellung der Nacht kann gravierende Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen haben. Die dunklen Seiten des Lichts zeigen in sieben Kapiteln Astronomen, Meeresbiologen, Ornithologen, Schlafforscher und Insektenkundler. Illustriert mit Satellitenbildern, Fotos und Statistiken, gibt das Buch Einblicke in das "millionenfache Sterben" von an in die Irre geleiteten Faltern und anderen Insekten, in das durch Kunstlicht gestörte Nachtleben von Vögeln und Schildkröten.

Beleuchtet wird aber auch die Kulturgeschichte und die Bedeutung von Licht als Zeitmesser, etwa wie Mondlicht die Meeresfauna beeinflusst und wie die innere Uhr des Menschen von Licht und Dunkelheit abhängt.

Von Mitteleuropa über die Kanarischen Inseln und Chile nach Florida führt Das Ende der Nacht und stellt das Phänomen des Lichtsmog in einen umfassenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang - inklusive Lösungsansätzen. (kri/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)

 


Buchtipp
Thomas Posch, Anja Freyhoff, Thomas Uhlmann (Hg.), Das Ende der Nacht. Die globale Lichtverschmutzung und ihre Folgen, € 29 / 151 Seiten, Wiley-VCH 2009.

  • Lichtverschmutzung, von oben betrachtet: Die Ballungsräume der Nonstop-Gesellschaft strahlen immer heller.
    foto: das ende der nacht / wiley-vch

    Lichtverschmutzung, von oben betrachtet: Die Ballungsräume der Nonstop-Gesellschaft strahlen immer heller.

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