Dr. Seltsam, die Bombe und der Klimawandel

24. November 2009, 19:53
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Nobelpreisträger Thomas Schelling über die Bedeutung von Klimaverhandlungen, seine persönliche Mission in den Iran und über ein Treffen mit Stanley Kubrick

Mit dem ehemaligen Sicherheitsberater im Weißen Haus sprach Stefan Löffler.

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STANDARD: Als Sie 2005 den Wirtschaftsnobelpreis erhielten, schrieb ein Kommentator, Sie hätten eher den Friedensnobelpreis verdient, weil Sie halfen, dass der Kalte Krieg nicht heiß wurde. Sind Sie auch dieser Ansicht?

Schelling: Ich hätte den Friedensnobelpreis gerne bekommen. Vor 25 Jahren war ich auf Einladung des Instituts, das den Friedensnobelpreis vergibt, in Oslo und fragte den Direktor, ob je ein intellektueller Beitrag zum Frieden ausgezeichnet worden sei. Er sagte, das hätten sie noch nie getan und das hätten sie auch nicht vor. Der Preis geht immer an Aktivisten.

STANDARD: Sie gewannen Ihren Nobelpreis nicht als Aktivist, sondern als Spieltheoretiker.

Schelling: Als ich die beiden Aufsätze schrieb, die das Nobelpreiskomitee am meisten schätzte, wusste ich so gut wie nichts über Spieltheorie. Ich finde sie nützlich, wenn ich über Konflikt und Kooperation nachdenke. Aber ich bin kein Spieltheoretiker, sondern Sozialwissenschafter.

STANDARD: Nahmen Sie denn als Sicherheitsberater des Weißen Hauses niemals Anleihen in der Spieltheorie?

Schelling: Bei der Analyse atomarer Rüstung und Abschreckung wäre es mir nie in den Sinn gekommen, Spieltheorie zu verwenden. Ich setzte auf Commitment, also in der Verhandlung zu signalisieren, dass man etwas leistet oder schon geleistet hat, was man nicht zurücknehmen kann. Das hat nichts mit Spieltheorie zu tun.

STANDARD: Gilt eine Verpflichtung nicht als Schwäche?

Schelling: Diplomatie basierte gewöhnlich darauf, sich so viele Optionen wie möglich offen zu lassen. Ich wies als Erster darauf hin, dass die Option, etwas zurückzunehmen, bei der Gegenseite oft die Erwartung weckt, dass man tatsächlich einen Rückzieher macht. In einer Verhandlung kann es ein Trumpf sein, wenn man die Brücken hinter sich abgebrochen hat.

STANDARD: Stimmt es, dass Sie Stanley Kubrick auf die Idee zu "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" brachten?

Schelling: Ich begann mich zufällig für den Krieg zu interessieren. Jemand schlug mir vor, einige Bücher zu besprechen, die den Ausbruch eines Atomkriegs schilderten. Die beste Analyse, wie ein ungewollter Krieg beginnen kann, fand ich in Red Alert von Peter George. Ich war so begeistert, dass ich 39 Exemplare kaufte und unter meinen Freunden verteilte. Mein Aufsatz erschien im Bulletin of the Atomic Scientists und wurde im Observer nachgedruckt, als Kubrick gerade in England war. Er las mein Lob auf Red Alert und kontaktierte daraufhin George. Kubrick bot ihm 50.000 Dollar, um in die USA zu kommen und ein Drehbuch daraus zu machen. Die beiden besuchten mich in Cambridge und verbrachten einen ganzen Nachmittag und Abend bei mir.

STANDARD: Worüber sprachen Sie?

Schelling: Hauptsächlich darüber, wie der Krieg ausgelöst werden könnte. Als das Buch 1958 erschien, gab es keine Langstreckenraketen. Der Kommandeur schickt seine Bomber los und kriegt Probleme, als er sie zurückrufen will. Aber nun waren die frühen Sechziger, und Langstreckenraketen hatten die Bomber abgelöst. Also versuchten wir, ein Pendant in der Ära der Raketen zu finden. Mit dem Drehbuch hatte ich nichts zu tun, und Kubrick traf ich nie wieder. Er entschied sich dafür, den Film in der Ära der Flugzeuge zu lassen.

STANDARD: Wie hat Ihnen "Dr. Seltsam" gefallen?

Schelling: Ich hatte gemischte Gefühle. Es ist eine spektakuläre Komödie, aber nicht angemessen seriös. Schade, dass der Film nicht so endet wie das Buch: Da verhandeln der Präsident der USA und der Kreml-Chef. Der einzige Bomber, der nicht zurückgerufen werden konnte, ist in einen Wald gestürzt. Ein anderer Pilot hat den Absturz gesehen und das Weiße Haus informiert. Also sagt der Präsident den Russen, es gebe keinen Grund, eine amerikanische Stadt zu bombardieren. Doch der Kreml-Chef lässt nicht locker und kündigt an, dass der Vergeltungsbomber in fünfzehn Minuten die US- Ostküste erreicht. Erst im letzten Moment sagt er: Wir haben nicht die Absicht, eine amerikanische Stadt zu bombardieren. Wir wollten Sie nur wissen lassen, wie es sich anfühlt.

STANDARD: Eine andere Frage beschäftigt die Welt heute: Wird der Iran die Bombe bauen?

Schelling: Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder die Iraner stellen sehr kurz, bevor sie die Bombe haben, den Bau ein. Dann können sie zwar nicht testen, aber wenn nötig, in kurzer Zeit die Bombe fertigstellen. Oder sie bauen die Bombe, wenn nicht jemand im letzten Moment einen Krieg startet.

STANDARD: Der Politikwissenschafter Bruce Bueno de Mesquita sagte dem "New York Times Magazine", dass der Iran den Bau der Bombe kurz vor dem Abschluss einstellen werde, und zwar im Jänner. Was halten Sie von dieser Prognose?

Schelling: Eine Möglichkeit ist, dass die USA dem Iran diese Option auf diesem Weg mitgeteilt hat. Wenn es ihnen nicht selbst eingefallen ist, wissen sie jetzt, dass sie auf diesem Weg einem Präventivschlag Israels aus dem Weg gehen und trotzdem die Bombe binnen zwei oder drei Monaten haben können.

STANDARD: 2007 haben Sie sich selbst im Iran ein Bild gemacht. Zu welchen Schlüssel kamen Sie dabei?

Schelling: Ich war in Teheran, aber ich habe nichts gelernt. Ich wollte mit den Experten für Atomwaffenpolitik ins Gespräch kommen. Ich dachte, dass man an meinem Wissen interessiert sei - über all die Verbindlichkeiten, die mit dem Besitz von Atomwaffen verbunden sind, wie man sie sichert oder wie eine Politik zur Anwendung formuliert wird. Jeder, der sich im Iran mit Kernwaffenpolitik befasst, kennt meinen Namen und wusste, dass ich im Land war, weil selbst das Fernsehen über meinen Besuch berichtete. Niemand sprach mich auf das Thema an. Exil-Iraner haben mir versichert, dass es nicht an Experten mangelt. Alle hatten bloß Angst, mit einem Amerikaner erwischt zu werden.

STANDARD: Neben Atomwaffen befassen Sie sich auch mit dem Klimawandel. Sind das nicht zwei weit voneinander entfernte Themen?

Schelling: Das stimmt. Nur sind es die beiden wichtigsten Themen.

STANDARD: Wie kamen Sie ins Klimageschäft?

Schelling: Völlig unerwartet. Alles begann 1980 mit einem Anruf vom Direktor der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Er fragte, ob ich bereit wäre, ein Komitee zu leiten, das das Weiße Haus bei einem bevorstehenden Gipfel der Industrieländer zum Tagesordnungspunkt Klimawandel und Kohlendioxid-Emissionen berät. Ich sagte: Ich weiß gar nichts darüber. Darauf er: Macht nichts, auch sonst wisse niemand etwas, und alles, was es zu wissen gibt, könne ich in den sechs Wochen bis zur ersten Sitzung des Komitees lernen. Damals ging mir auf, dass das, was die atomare Waffenkontrolle in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, in naher Zukunft der Klimawandel sein würde, nämlich das wichtigste internationale Thema.

STANDARD: Mit welchem Schwerpunkt?

Schelling: Als entscheidend gilt, dass China, Indien, Indonesien, Brasilien und einige weitere große Entwicklungsländer dazu gebracht werden müssen, auf neue, Emissionen reduzierende Energietechnologien zu setzen. Weil auch klar ist, dass die beste Verteidigung der Entwicklungsländer gegen die Folgen des Klimawandels ihre eigene Entwicklung ist, darf der Wechsel der Energietechnologie nicht auf Kosten ihrer Entwicklung gehen, sondern muss auf Kosten der reichen Länder geschehen.

STANDARD: Das ist doch heute Konsens, oder?

Schelling: Das Problem ist, dass es keine Institution gibt, innerhalb der sich die reichen Länder einigen können, wie viel jeder zu geben bereit ist. Genauso wenig gibt es eine Institution, innerhalb derer die Entwicklungsländer verhandeln können, wer wie viel von der verfügbaren Hilfe bekommt. Und es fehlt ein Intermediär, der die Gelder aufnimmt, weiterleitet und überwacht, ob sie zweckgemäß eingesetzt werden. Noch das beste Modell, das wir dafür haben, ist der Marshallplan.

STANDARD: Würde da nicht die Unido sofort reklamieren, dass sie das kann?

Schelling: Auch andere Institutionen würden das sagen. Aber keine davon ist durch Tradition oder Erfahrung dazu geeignet. Die reichen Länder werden den armen Ländern nicht einfach so Geld geben, denn das führt zu Korruption und Missbrauch. Alles muss in konkrete Projekte fließen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)


Zur Person
Thomas Crombie Schelling, geboren 1921 in Oakland, Kalifornien, arbeitete am Marshallplan in Europa und im Weißen Haus. Seine erste Professur erhielt der Ökonom an der Yale University, danach wechselte er nach Harvard. Schellings bekanntestes Buch "The Strategy of Conflict" legte einen Grundstein für die Beobachtung von (nuklear-)strategischem Verhalten. Im Jahre 2005 wurde Schelling zusammen mit Robert J. Aumann mit dem Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten im Rahmen der spieltheoretischen Analyse ausgezeichnet.

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    Thomas Schelling bei einer öffentlichen Diskussion kurz vor der Verleihung des Wirtschafts-nobelpreises 2005. Im Hintergrund: die begehrte Medaille. Das freche Lachen gehört dem zweiten Preisträger, Robert J. Aumann.

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