Das Alter neu messen

24. November 2009, 19:46
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Wissenschafter am Wiener Institut für Demografie, dem International Institute for Applied Systems Analysis in Laxenburg bei Wien und der Universität von New York, Stony Brook, schlagen in einer Studie vor, das Alter nicht mehr retrospektiv zu messen, sondern "prospektiv".

Während das retrospektive Maß angibt, wie viele Jahre ein Mensch schon gelebt hat, sieht der prospektive Ansatz vor, die stetig steigende Lebenserwartung zu berücksichtigen. Man misst das Alter sozusagen aus der Perspektive der verbleibenden Jahre. Im Hintergrund stand die Frage: Warum ist ein Mensch mit 60 Jahren heute "mittleren Alters", während vor 200 Jahren 60-Jährige als "alt" galten? "Jung" und "alt", meinen die Forscher, sind relative Begriffe, deren gemeinsamer Bezugspunkt die Lebenserwartung ist. Um 1800 wurde nur etwa jede dritte Frau 60 Jahre alt, während heute mehr als 90 Prozent der Frauen in den Industrieländern ihren 60. Geburtstag feiern. Das prospektive Alter gibt an, wie alt ein Mensch ist, aber nicht nur mit Blick auf sein Geburtsdatum, sondern abhängig von seiner restlichen Lebenserwartung. Was bringt das?

Die Wissenschafter erwarten sich ein vollständigeres Bild der Abläufe beim Altern der Bevölkerung bei steigender Lebenserwartung. Das neue Maß hat so Konsequenzen auf gesellschaftlicher wie auf persönlicher Ebene. Manche medizinische Leistungen hängen von der verbleibenden Lebenszeit ab. Ein Beispiel: Künstliche Knie bekommen selbst über 70-Jährige Menschen. Eine solche Operation hätte wenig Sinn, argumentieren die Studienautoren, würde sie dem Patienten nicht eine wesentlich höhere Zahl von Jahren der Mobilität schenken. (max/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)

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