Opas kleine Helfer

24. November 2009, 19:45
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Die "jungen Alten" lassen sich ihren individuellen Lebensstil nicht mehr durch Krankheiten und Handicaps beeinträchtigen

Medizinprodukte entwickeln sich daher zunehmend von kaum tolerierten Lebenshilfen zu selbstverständlichen Requisiten des Alltags.

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Seit geraumer Zeit prognostizieren Demografen einen Anstieg der älteren Bevölkerung in Österreich - Folge einer niedrigen Geburtenrate und einer immer höheren Lebenserwartung: "Der Anteil der über 60-Jährigen wird von 23 Prozent im Jahr 2009 ab circa 2030 auf mehr als 30 Prozent ansteigen", nennt Alexia Fürnkranz-Prskawetz vom Institut für Wirtschaftsmathematik, Forschungsgruppe Ökonomie, an der TU Wien die einschlägigen Zahlen.

Besonders stark werde der Anstieg der über 75-Jährigen in der Bevölkerung ausfallen: von derzeit acht auf 17 Prozent im Jahr 2050. Dieser Strukturwandel von Jung zu Alt, von Erwerbstätigen zu Nichterwerbstätigen, wird das Sozialsystem vor große Herausforderungen stellen, erläutert sie.

Er wird aber auch unsere Gesellschaft sozial und technologisch stark verändern - bis hin zu Denkweisen und Mentalität. War früher das Alter mit Vorstellungen von Zurückgezogenheit und Passivität verbunden, so hat sich dieses Bild enorm verändert. Denn der Hedonismus- und Konsumgedanke ist in der Generation der "Best Agers" oder "50plus" tief verwurzelt, stellen Soziologen fest.

Fürnkranz-Prskawetz führt dazu aus: "Es gibt so etwas wie ein drittes Alter, das man auch das junge Alter nennt. Das sind die 60- bis 80-Jährigen." Danach komme das "vierte Alter", die Ätesten: die über 80- bis Hundertjährigen. Man dürfe allerdings nicht den Fehler begehen, "Alter" an irgendwelche fixen Altersgrenzen zu binden, meint sie. "Diese sagen überhaupt nichts aus." Sie ist der Ansicht, dass die Lebensjahre, die vor einem liegen, ein wichtigerer Indikator seien als das momentane Alter (siehe Wissen). Gerade diese "jungen Alten" nehmen nicht mehr in Kauf, dass ihr Lebensstil durch Krankheiten, Leiden und Handicaps beeinträchtigt wird. Medizinprodukte entwickeln sich deshalb zusehends von kaum tolerierten Lebenshilfen zu selbstverständlichen Requisiten eines individuellen Lebenswandels.

Kritik an der Produktwelt

Es gilt, sich auf die Bedürfnisse dieser neuen, heterogenen Zielgruppe einzustellen. "Produkte, mit denen wir uns im Alltag umgeben, haben Einfluss auf unser Lebensgefühl", stellt etwa Lisa Elena Hampel fest und ergänzt: "Wenn man nun Produkte benutzen muss, die einen ständig vor Augen führen, dass man gebrechlich ist, fördert das nicht unbedingt das Wohlbefinden." Man dürfe Alter deshalb nicht mit Hinfälligkeit gleichsetzen, betont die Wiener Designerin.

Sie und ihre Geschäftspartnerin Kathrina Dankl bemühten sich deswegen, Design, aber auch Architektur in diesem Zusammenhang aus dem "negativen Licht" zu bringen. Schließlich gebe man nicht ab einem bestimmten Geburtstag seinen Geschmack und seine Vorlieben auf, meint Hampel. Eine Erkenntnis, die von der Produktwelt noch nicht hinreichend aufgegriffen wurde, kritisiert sie: "Es gibt auch unter der älteren Bevölkerung eine große individuelle Vielfalt."

Viele Produkte, die auf eine ältere Zielgruppe abgestimmt sind, funktionierten zwar gut - "aber nicht auf einer ästhetischen Ebene". Die Frage ist nun, wie solche Produkte beschaffen sein sollen?

Einen Anhaltspunkt könnte Nintendos Spielkonsole Wii bieten. Diese hat es bis in britische Altersheime geschafft. Sie ist durch ihr neuartiges Steuerungselement leicht bedienbar und sorgt dafür, dass die Bewohner zu (leichter) sportlicher Betätigung kommen, die sie sonst nicht hätten.

Auch wenn die Wii kein Medizinprodukt im engeren Sinn ist, kann sie als Beispiel für einen wichtigen Anspruch einer älteren Generation an das Design einschlägiger Produkte dienen: Die Zielgruppe will gar keine Spezialanfertigungen, sondern Dinge, die ansprechend designt und die einfach zu bedienen sind.

Als "Reduktion von Komplexität" subsumiert dies Rudolf Greger. Er und sein Geschäftspartner Christoph Pauschitz entwarfen bereits für den Prothesenhersteller Otto Bock und dem Hörgerätespezialisten Med-El Medical Electronics. "Hörgeräte", nennt der Industriedesigner ein Beispiel, "sind heutzutage fast unsichtbar. Sie haben dennoch den einen oder anderen Schalter, der betätigt werden muss." Oft seien ältere Anwender aufgrund feinmotorischer Einschränkungen nicht mehr in der Lage, Justierungen vorzunehmen. Die Lösung: "Eine einfach zu handhabende Fernbedienung, damit man die Einstellungen nicht am Gerät selbst vornehmen muss", schildert Greger.

Auch wichtig: eine lebensbejahende Produktbotschaft. "Medizintechnik ist für uns ein Bereich wo wir unsere Kompetenz einbringen können, um nicht nur den Marktwert eines Produkts, sondern vor allem das Selbstwertgefühl des Patienten zu steigern", sagt er. Design für ein besseres Leben sozusagen. Und: "Weg vom Medizinauftritt" sollte es gehen, betont er, weg von der Stigmatisierung etwa durch eine Prothese. Beide Designer - Greger und Hampel - nennen die Brille als Beispiel für einen positiven Wandel: Vor ein paar Jahrzehnten noch eine reine Prothese, sei diese heute ein Accessoire.

Betagt und leistungsfähig

Hochtechnologie macht es älteren Menschen, die schwächer werden, möglich, leistungsfähig und autonom zu bleiben. "Unabhängigkeit ist ein ganz großes Thema", sagt Greger, "die Medizintechnologie soll es ermöglichen, diese so lange, wie es geht, zu erhalten." Letztendlich soll das Produkt zur Lebensqualität beitragen. Alexia Fürnkranz-Prskawetz wiederum wünscht sich, dass die positiven Seiten eines längeren Lebens mehr in den Mittelpunkt rücken. "In der Diskussion stehen die negativen Konsequenzen der Bevölkerungsalterung zu sehr im Vordergrund." (Markus Böhm/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)


Die Life Science Austria Vienna Region lädt am Donnerstag um 18 Uhr zu einem Life Science Circle, der sich mit dem Thema "Medizintechnologie und Biotechnologie für eine alternde Gesellschaft" (Biotech and Medtech for an Ageing Society) beschäftigt. Neben Alexia Fürnkranz-Prskawetz werden u. a. Pflegedienstleister, Designer und Forscher zu Wort kommen. Veranstaltungsort: Raiffeisen Forum Wien, Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Platz 1, 1020 Wien. Der Eintritt ist frei.

Link
www.lisavr.at

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