Hypnotisieren Sie die Musiker?

24. November 2009, 18:38
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Nikolaus Harnoncourt feiert am 6. Dezember seinen 80. Geburtstag - Premiere von "Il Mondo della luna" ist am Vorabend

"Ich würde niemals ein Stück dirigieren wollen. Das hat mich noch nie interessiert, und die Dirigenten, die das machen, haben mich auch noch nie interessiert. Sondern ich würde wollen, dass jeder einzelne Musiker im Moment des Musikmachens aktiv an der Gestaltung dieses Werks teilnimmt, mit seiner ganzen Fantasie und nicht nur mit seiner Fingerfertigkeit.

Es gibt ganze Musikästhetiken und ganze Orchesterlandschaften, wo ich nie hinfahren würde. Und viele weltberühmte Orchester, die ich nie dirigieren würde. Unter den Dirigenten dieser Orchester hab' ich gespielt, und dass ich die oder mich selbst nicht umgebracht habe ... Im Dienst an der Kunst hätte ich das wahrscheinlich tun müssen.

Ich will in den Proben ein Interesse am Werk. Natürlich kann sich nicht jeder Musiker in einem Hundertmannorchester für jedes Werk immerfort interessieren. Aber in dieser einen Stunde muss das Werk für ihn das Wichtigste sein, das es überhaupt gibt. Und wenn mir das nicht gelingt, dann habe ich diesen einen Musiker in dieser Zeit verloren. Natürlich ist das nicht hypnotisch, denn die würden mich ja auslachen. Diese Gefahr besteht ja auch immer, weil man so viel von sich preisgibt, dass man an die Grenze zur Lächerlichkeit kommt. Aber etwas anderes gibt's nicht für mich und darf 's nicht geben.

(Zum Thema Wahrheit und Lüge aus Anlass der Aufführung der Haydn-Oper "Il mondo della luna" im Theater an der Wien:)

Wenn ich nur an Friedell oder Spengler denke: Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, ist praktisch unmöglich. Wenn Sie einen Autounfall haben, dann sagt Ihnen von drei Zeugen einer, das Auto, das vorbeigefahren ist, war rot, der andere, es war weiß, der dritte, es war blau. Und alle drei sagen die Wahrheit. Was anderes wäre denn die Wahrheit als die Überzeugung? Die Farbe, die wirklich auf dem Auto draufgespritzt ist, die hat mit der Wahrheit genauso wenig zu tun."


Nikolaus Harnoncourt feiert am 6. Dezember seinen 80. Geburtstag. Premiere von "Il Mondo della luna" ist am Vorabend. In der Kolumne O-Ton lässt der STANDARD Menschen aus Kultur und Medien unkommentiert zu Wort kommen. (jk/DER STANDARD, Printausgabe, 25. 11. 2009)

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