Eine Krautsuppe für Wilhelm von Humboldt

24. November 2009, 17:31
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Von unhinterfragten Mythen und liebgewonnenen Selbsttäuschungen im Umgang mit der Uni-Krise - vor und hinter den Protestplakaten: geistige Wegzehrung für die Teilnehmer am heutigen "Hochschuldialog"

Es ist möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, dass die gegenwärtigen studentischen Proteste eine Hochschulpolitik beenden, die sich mit den üblichen pathologischen Formen österreichischer "Problemlösung" - Verdrängung ärgerlicher Tatsachen, Durchwurschteln mit schlechtem Gewissen und untauglichen Praktiken, Bereitschaft zu Selbstausbeutung und zum subjektiven Abarbeiten systemischer Mängel - in eine fatale Krise manövriert hat. Eine Kurskorrektur würde eine Abkehr von einer Reihe liebgewonnener Selbsttäuschungen und nicht hinterfragter Mythen erfordern, wofür es jedoch zurzeit wenige Anzeichen gibt:

1) Humboldt-Nostalgie - Wilhelm von Humboldt ist schon eine Weile tot. Die Bildungssysteme und ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich seit dem frühen 19. Jahrhundert, als Humboldt seine Vision von einem Studium in "Einsamkeit und Freiheit" entwickelte, radikal verändert. Die Humboldt'sche Universität war keine demokratische Massenuniversität, sondern in mehrfacher Hinsicht eine "Aristokratie des Geistes" .

Zu Humboldts Zeiten studierten weniger als ein Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung , und die Studenten waren Söhne protestantischer Pastoren, von Ärzten und adeligen Großgrundbesitzern, die von ihren Kutschern zum Philosophischen Seminar gebracht wurden, wo sie mit ihrem Professor über "Me phynai ton apanta nika logon" diskutierten.

1) Dass nicht wenige der humanistisch gebildeten Absolventen der Humboldt'schen Universität in führender Rolle an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt waren, ist ein Faktum, das angesichts der gegenwärtigen humanistischen Bildungseuphorie nicht ganz in Vergessenheit geraten sollte.

Fiktive Arbeitsteilung

2) "Bildung statt Ausbildung"? - Die zunehmende Heterogenität der Studierenden hinsichtlich ihrer schulischen Herkunft (weniger als die Hälfte hat eine AHS-Matura) und ihrer postuniversitären Ambitionen erfordert eine Diversifizierung des universitären Studienangebots. Angesichts der begrenzten Kapazität der Fachhochschulen (FH) ist es nicht bloß unzulässig, sondern zynisch, eine "Arbeitsteilung" zwischen Universitäten und Fachhochschulen zu postulieren. Nur eine Minderheit der Studentenschaft der Universitäten strebt "Wissenschaft als Beruf" an. Seit vielen Jahren beklagen die Studierenden den Mangel an "Praxisrelevanz" der Studien. Die Parole "Bildung statt Ausbildung" klingt gut, mogelt sich jedoch über die Tatsache hinweg, dass die meisten Uni-Absolventen für einen Job "vorgebildet" sein wollen, und vergisst, dass auch die Humboldt'sche Universität eine "Ausbildungs"-stätte von Gymnasiallehrern, Pfarrern und praktischen Ärzten war.

Worum viele Studierenden gegenwärtig geprellt werden, ist eine ordentliche "akademische Ausbildung", die selbstverständlich die Entwicklung von Kritik- und Argumentationsfähigkeit, Zivilcourage und Verantwortung für die Gesellschaft zu umfassen hat. Aber gilt das nicht auch für FH-Studierende? Es ist etwas dran an dem sarkastischen 68er-Spruch: "Allgemeinbildung ist die Berufsbildung der Herrschenden, Berufsbildung ist die Allgemeinbildung der Beherrschten" .

3) Blick über den Tellerrand unerwünscht? - Den Teilnehmern des Hochschuldialogs ist dringendst die Lektüre des Textes von Martin Trow "Reflections on the Transition from Elite to Mass to Universal Access: Forms and Phases of Higher Education in Modern Societies since WWII" zu empfehlen (im Internet von >cshe.berkeley.edu/publications< herunterzuladen). Was Carl Djerassi, der Erfinder der "Pille" , für die Geburtenregelung ist, das ist Martin Trow für den internationalen Diskurs über Hochschulentwicklung. Der Berkeley-Professor ist mit seinem Modell des Übergangs von Elite- zu Massen- und schließlich zu "universellen" Hochschulsystemen weltberühmt geworden - außer in Österreich. Für diejenigen, denen bereits vor der derzeitigen österreichischen Studierquote von etwa 30 Prozent graut, hat Trow einen Schock bereit: Die meisten westlichen Hochschulsysteme werden sich in das Stadium der "universal higher education" weiterentwickeln, d. h. die Studierquote wird 50 Prozent überschreiten und die Bildungspolitik hat dafür Vorsorge zu treffen.

Spaghetti hausgemacht

4) Studieren ohne Zugangsbeschränkung? - Die studentische Forderung nach "offenem Hochschulzugang" und das Lippenbekenntnis von Politikern dazu ist mit der nüchternen Tatsache zu konfrontieren, dass de facto jede Studienrichtung Kapazitäten, d. h. eine einigermaßen kalkulierbare Zahl von Studienplätzen hat, für die ein qualitätsvolles Studium garantiert werden kann. Gewiss kann diese Zahl ausgeweitet werden, aber sie ist allemal endlich und erfordert eine vorausgehende finanzielle Absicherung. Im Übrigen ist es müßig, sich mit einem Plädoyer für "Studieneingangsphasen" über dieses Grundproblem hinwegzuschwindeln. Denn auch die brauchen "echte", ausfinanzierte Studienplätze.

5) Bologna-Bashing: Bei dieser nunmehr so beliebten Übung wird geflissentlich übersehen, dass die überfrachteten Bachelor-Studienplänen nicht aus Bologna importiert wurden. Die schwer verdaulichen akademischen "Spaghetti Bolognese" sind "Homemade in Austria" . Viele der Kommissionen, die die Bachelor-Studienpläne erarbeitet haben, haben sich anscheinend allzu sehr an der Vollständigkeit der Fächer orientiert und den Egoismen der Professoren nachgegeben, mit dem Resultat, dass für Wahlfreiheit und selbstbestimmtes Lernen kaum mehr Raum geblieben ist. Mit dem Ändern der Studienpläne sollte man allerdings noch etwas zuwarten, denn unter dem Bologna-Modell tickt ohnedies eine Bombe: Demnächst wird die Kommission, die mit der Lehrerbildungsreform beauftragt ist, ihren Bericht vorlegen. Derzeit folgt die Lehrerbildung ja noch dem alten neunsemestrigen Diplomstudienplan. Wenn nun auch dieses Curriculum in den Bologna-Prozess einbezogen und nach dem Bachelor-Master-Modell umstrukturiert wird, bedeutet das für zahlreiche (auch) lehrerbildende Studienfächer, dass sie ihre Studienpläne überarbeiten müssen, da kaum denkbar ist, dass das Lehramtstudium auf sechs oder auch nur acht Semester verkürzt werden kann.

Uni-Fest statt Hahn-Feier

Ach ja, noch etwas. Das Wissenschaftsministerium ist auf seiner Homepage nicht nur stolz auf die vorbildhafte Umsetzung des Bologna-Prozesses, sondern auch darauf, dass es ihm gelungen ist, die für März 2010 geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten der EU zu "Zehn Jahre Bologna-Prozess" nach Wien geholt zu haben. Sollte diese sicher nicht billige Feier angesichts des europaweiten Bologna-Katzenjammers nicht heimlich, still und leise abgeblasen werden und die dafür vorgesehenen Mittel z. B. für Feste anlässlich der Beendigung der Hörsaal- und Audimax-Besetzungen verwendet werden?

Um die kulinarische Qualität solcher Feiern bräuchte man sich keine Sorgen zu machen. Als ich unlängst durch den AKH-Campus der Uni Wien ging, wurde mir beim besetzten Hörsaal C1 von zwei Studentinnen ein Teller Krautsuppe angeboten. Die Suppe war ausgezeichnet. Im Gespräch stellte sich heraus, das die eine Germanistik, die andere Haushalts- und Ernährungswissenschaften studierte. Wir kamen überein, dass Thomas Bernhard, hätte er je eine solche Suppe serviert bekommen, nicht die Frittatensuppe, sondern die Krautsuppe in seinen Theaterstücken verewigt hätte. (DER STANDARD-Printausgabe, 25.11.2009)

1) Sophokles, "Oedipus auf Kolonos": "Nie geboren zu sein, das ist das Höchste" (möglicherweise das Motto der nächsten Wissenschaftsministerin)

 

Zur Person:

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an den Universitäten Wien und Salzburg und hat vor kurzem den Preis der Stadt Wien für Volksbildung 2009 erhalten.

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