"Er hat nur das Wort Rollstuhl verstanden"

24. November 2009, 17:17
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Patienten ohne Deutschkenntnisse, fremde Trauerrituale: In Salzburg sollen Laiendolmetscher helfen

 In Wien gibt es kein spezielles Kursangebot, auf eigene Sprachvermittler greift man trotzdem vermehrt zurück.

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Salzburg/Wien - "Kein Fünfjähriger solle seiner Mutter jemals wieder erklären müssen, dass sie Brustkrebs hat" , sagt Herbert Herbst, Leiter des Salzburger Projektes "Transkulturelle Kompetenz im Krankenhaus" . In Salzburg ist für fast jeden zehnten stationär betreuten Patienten Deutsch nicht die Muttersprache. Wodurch regelmäßig massive Verständigungsprobleme auftauchen. Ajet Kastrati, Diplomkrankenpfleger an der Salzburger Neurologie, kennt viele ähnlich gelagerte Fälle wie jenen der krebskranken Migrantin und ihres fließend Deutsch sprechenden kleinen Sohnes. So habe etwa ein Kosovo-Albaner die nach einem Bandscheibenvorfall notwendige Operation lange Zeit verweigert. "Er hat nur das Wort Rollstuhl verstanden" , sagt Kastrati.

Erst durch Kastratis Übersetzerdienste - er stammt selbst aus dem Kosovo - konnte dem Patienten die Angst vor dem Eingriff genommen werden. Der Mann lebt und arbeitet heute wieder beschwerdefrei in Österreich.

Ärzte mit Auslandsstudium

Die Salzburger Landeskliniken haben inzwischen einen Pool mit über 40 solchen Laiendolmetschern aus dem Spitalsbereich eingerichtet. Darunter jede Menge Pflegepersonal mit Migrationshintergrund - aber auch Ärzte, die im Ausland studiert haben. Insgesamt kann man inzwischen 20 verschiedene Sprachen abdecken. Nur in besonders komplexen Situationen greife man weiterhin auf gerichtlich beeidete Dolmetscher zurück. Was freilich nicht bedeutet, dass die Laiendolmetscher keine Ausbildung durchlaufen müssen. Sie werden in eigenen Kursen auf die Übersetzerdienste vorbereitet.

Auch wenn noch nicht einmal Schätzungen für das neu angelaufene Projekt vorliegen, ist man sich bei den Salzburger Landeskrankenanstalten sicher, massiv Kosten einzusparen. Psychosomatische Erkrankungen etwa könnten leichter als solche erkannt werden, und die Patienten würden nicht wochenlang zu Untersuchungen von Station zu Station überwiesen.

In Wien startete 2001 ein Pilotprojekt inSachen Laiendolmetsch an städtischen Spitälern. Allerdings ist man vom Abhalten eigener Sprachseminare für das Krankenhauspersonal bald wieder abgekommen. "Es hat sich schnell herausgestellt, dass dies nicht erforderlich ist" , sagt Susanne Herbek, noch Spitalsdirektorin beim Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), ab kommendem Jahr dann Geschäftsführerin der für die Erstellung elektronischer Gesundheitsakten zuständigen Bundesgesellschaft Elga.

Profis auf der Geburtenstation

In Wiens Spitälern arbeite genügend Personal mit Migrationshintergrund - und sei deshalb, so Herbek, "ohnehin in der Lage, komplexe medizinische Zusammenhänge in einer zweiten Sprache darzustellen" . In jedem städtischen Krankenhaus liege eine Liste mit sämtlichen sprachkundigen Mitarbeitern auf. "Wichtig ist, dass sie alle einen qualifizierten medizinischen Beruf ausüben" , sagt Herbek. Mit den Sprachvermittlern aus den eigenen Reihen sei man bisher sehr gut gefahren, insgesamt kommt man beim KAV auf 40 Sprachen - wobei vier davon unterschiedliche philippinische Dialekte sind.

Gezielt suche man aber nicht nach Personal mit Migrationshintergrund. "Das ist nicht nötig, wir sind sehr breit aufgestellt." Permanent anwesend sind Dolmetsch-Profis nur auf den Wiener Geburtsstationen: Dort versieht jeweils eine türkischstämmige Übersetzerin täglich Dienst.

Von den neuen Laiendolmetschern in Salzburg soll künftig mehr als sprachliche Unterstützung kommen. Sie sollen, so Projektleiter Herbst, auch als Kulturvermittler auftreten - etwa wenn es um das Verständnis für unterschiedliche Verabschiedungsrituale nach einem Todesfall gehe. (Thomas Neuhold/Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 25. Noveber 2009)

 

  • Im Wiener Spital Rudolfstiftung weist man mehrsprachig auf die
Hausordnung hin. Das Krankenhauspersonal spricht in der Hauptstadt
zusammengerechnet 40 Sprachen.
    foto: standard/christian fischer

    Im Wiener Spital Rudolfstiftung weist man mehrsprachig auf die Hausordnung hin. Das Krankenhauspersonal spricht in der Hauptstadt zusammengerechnet 40 Sprachen.

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