Verwirklichung durch Entwicklung

24. November 2009, 17:23
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Fifa investiert fast ein Viertel ihres Budgets in die Entwicklung des Fußballs. Vor der WM 2010 steht Afrika im Fokus. Auch der Frauen-Fußball, ein Geschäft der Zukunft

Tunis - Sage noch einer, die Herren vom internationalen Fußballverband (Fifa) bewegen sich nicht. Nur kleiner Denkanstöße bedarf es halt. Ein solcher kam 1986, während des 45. Fifa-Kongresses in Mexiko. Da stand die norwegische Delegierte Ellen Wille auf, um vom Gremium lautstark die Einführung weltweiter Wettbewerbe für Frauen einzufordern - und zwar auf allen Ebenen und nach Vorbild des europäischen Verbandes Uefa, der schon zwei Jahre zuvor seine erste EM organisiert hatte.

Auch zur Verwunderung von Frau Wille fand die Forderung beim damaligen Präsidenten, dem Brasilianer João Havelange, Gehör. Es brauchte dann aber schon noch fünf Jahre bis zur ersten einschlägigen Weltmeisterschaft in China. Der Schweizer Joseph S. Blatter, der Havelange 1998 im Amt nachfolgte, bezeichnete 2005 den weiblichen Kick gar als die Zukunft des Fußballs. Das war von Blatter wacker, aber sicher nicht ganz ohne finanzielle Hintergedanken gesprochen.

Die Fifa, als Verein der aktuell 208 Mitgliedsverbände organisiert (die Uno bringt es zum Vergleich auf 192 Mitgliedsstaaten), hat bisher ernstlich nur die Weltmeisterschaft der Männer zu verkaufen. Der Löwenanteil der für die WM-Periode 2007 bis 2010 projektierten Einnahmen von mehr als drei Milliarden Dollar wird aus dem TV- und Marketing-Geschäft mit der WM erzielt. Großartige Steigerungen sind in Zukunft nicht mehr zu erwarten, weshalb sich die Fifa glücklich schätzt, dass die nächste Frauen-WM 2011 in Deutschland mit ziemlicher Sicherheit Gewinn abwerfen wird. Bisher waren sämtliche diesbezüglichen Aktivitäten reine Zuschussgeschäfte, überhaupt die Weltmeisterschaften für Unter-17- (2008 in Neuseeland) und Unter-20-Jährige (2008 in Chile).

Nahezu 700 Millionen Dollar investiert die Fifa in der Periode 2007 bis 2010 in die weltweite Entwicklung des Fußballs. Zehn Prozent dieser Summe sind dem Frauenfußball vorbehalten. 26 Millionen lizenzierte Spielerinnen zählt die Fifa heute. Mit dem Herandräuen der Männer-WM 2010 in Südafrika rückt Afrika auch bezüglich der Förderung des Frauen-Fußballs in den Mittelpunkt.

Die Aktivitäten der Fifa muten da zuweilen geradezu subversiv an. Vor allem in muslimisch geprägten Gegenden, also im gesamten nordafrikanischen Raum oder in Ländern wie dem Sudan, stehen dem Fußballweltverein bei der Durchsetzung seiner Interessen scheinbar größere Machtmittel zu Gebote als der Politik. "Fußball ist in diesen Ländern für Frauen eine Möglichkeit, sich zu verwirklichen" , sagte Mayrilian Cruz Blanco, Women's Football Development Manager der Fifa, anlässlich eines Seminars am vergangenen Wochenende in Tunis, an dem Fußballerinnen und Funktionäre aus etlichen der 53 afrikanischen Fifa-Verbände teilnahmen.

Die Kubanerin, die nicht müde wird, die sozialpolitische Rolle des Fußballs zu betonen, kennt die Grenzen ihrer Bemühungen. "Wir müssen in vielen Ländern flexibel sein, etwa bezüglich der Kleiderordnung bei Spielen." Je früher die Entwicklungsarbeit ansetze, desto erfolgreicher sei sie. In Namibia, verdeutlichte Cruz Blanco, wurde vor allem mit 11- bis 15-jährigen Mädchen begonnen. Mittlerweile zählt die Fifa in dem südwestafrikanischen Land 700 lizenzierte Spielerinnen und sechs Ligen. "Es ist ein Prozess von unten nach oben. Und es ist eine langfristige Arbeit" , sagte Cruz Blanco.

Dass die auch flotter sportliche Früchte tragen kann, zeigt der Gewinn des Afrika-Cups der Frauen durch die Gastgeberinnen aus Äquatorialguinea im Vorjahr. Davor war der Titel ausschließlich (siebenmal en suite) an Nigeria gegangen. Dass einige Spielerinnen von Äquatorialguinea unter dem Verdacht standen, eher männlich zu sein, ist eine ganz andere Geschichte. (Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25.11. 2009)

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    Eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung für afrikanische Frauen nennt man beim Weltverband Fifa den Fußball. Auch ohne Fifa-Hilfe wird in ugandischen Flüchtlingslagern gekickt. Am Ball Nancy Lakot, Kapitänin des Frauenklubs Paicho. In einer Region voller Gewalt und einer Gesellschaft, die lange von Männern dominiert war, hofft Lakots Team, die Einstellung gegenüber Frauen auch mithilfe des Fußballs zu verändern.

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