"Überhitzung droht nur in China"

24. November 2009, 18:43
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Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, beklagt sich über die Sorglosigkeit von Banken. Auch die Wahrscheinlichkeit für eine neue Spekulationsblase wächst

STANDARD: China hat vor einer "Zeitbombe" auf seinem Immobilienmarkt gewarnt. Wie ernst ist das?

Walter: Dieses Problem ist lange angelegt, etwa durch die Olympischen Spiele, die Expo in Schanghai und durch die weltweite Liquiditätsaufblähung plus der erneuten Bereitschaft der Chinesen, Dollars aufzusammeln. Das heißt ja, den Yuan in großer Menge unter die Leute zu bringen. In China findet ein Bauboom ohne Ende statt.

STANDARD: Wie kann man Gegensteuern? Kann man das Platzen einer Blase wirklich verhindern?

Walter: Dort, wo China Einfluss auf Banken hat, wird die Kreditvergabe restriktiver. Die Beeinflussung des Finanzsektors ist im Gange. Durch diese Steuerung wird ein Riegel vorgeschoben. Man will zuerst ja verhindern, dass die Blase größer wird. Das ist nicht nur ein löbliches, sondern auch vernünftiges Ziel. Wie erfolgreich man damit ist, ist schwer zu schätzen. Die Erfahrung zeigt, dass die Chinesen auf ihre Banken großen Einfluss haben und das gut steuern können.

STANDARD: Es heißt, die exzessive Geld- und Schuldenpolitik, die zur Bekämpfung der Krise eingesetzt wird, führt zu einer Spekulationsblase.

Walter: Das Ding ist noch nicht sehr groß. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie größer wird, ist angesichts der reichlichen Liquidität aber nennenswert. Man sollte aber beachten, dass die Preissteigerungsraten trotz des Wachstums - wie etwa in China - sinken. Das gilt auch für Europa und die USA. Wenn aber irgendwo Gefahr für die Stabilität besteht, Überhitzung droht, dann in China.

STANDARD: Wo stehen wir in der Krise. Ist das Schlimmste hinter uns?

Walter: Ich denke ja, vor allem in Bezug auf den Abschreibungsbedarf von nicht werthaltigen Papieren. Nicht aber, was Abschreibungen von Firmenkrediten betrifft.

STANDARD: Und Osteuropa?

Walter: Keine besonderen Auffälligkeiten. Es gibt ein paar Länder, denen geht's richtig schlecht, etwa den baltischen Staaten und der Ukraine. Andere, wie etwa Polen, sind pumperlgesund.

STANDARD: Der Einfluss auf Banken wird weltweit diskutiert. Am Anfang der Krise wurde vieles gefordert, etwa die Superaufsicht und strengere Regeln. Jetzt wird bereits massiv gegen Veränderungen lobbyiert.

Walter: Es wird viel darüber gesprochen, dass Institute "back to normal" sind, wieder Gewinne machen, toxische Assets häufen und Boni zahlen. Ich halte das für beklagenswert. Aber der Umfang ist begrenzt. Daher halte ich das nicht für eine Wiederholung in der Stärke der früheren Problematik. Der US-Senat hat schon klare Vorstellungen von einer Verschärfung der Regulierung. Ich bin davon überzeugt, dass der US-Kongress hier nicht nur die Lippen spitzt, sondern auch einschreiten wird. Ich bin über die Sorglosigkeit der Debatte aber schon überrascht.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Walter: Ich meine damit die Finanzinstitute, denen ich dringend empfehle, dass sie sich auf restriktivere Regeln einstellen.

STANDARD: Warum ernten Vorschläge wie der Notfallfonds von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann derart viel Kritik?

Walter: Manche denken, dass das schon wieder eine Forderung aus der Banken-Ecke ist, um staatliche Mittel zu bekommen. In Wirklichkeit ist es ja nur ein Vorschlag, aus privaten Mitteln Vorsorge zu organisieren. Es gibt eine Reihe von Kritikern, die gegen einen neuen Umverteilungsapparat sind. Die nur retten wollen, wofür sie auch verantwortlich sind.

STANDARD: Die Ausschüttung hoher Boni steht in der Kritik. Wie sind diese Zahlungen zu rechtfertigen?

Walter: Das muss man in einem weiteren Kontext sehen. Die Europäer haben offenbar noch nicht mitgekriegt, wie hoch die US-Festgehälter sind. Die sind nicht so komfortabel wie bei uns und liegen oft weit unter den erbrachten Leistungen. Das wird akzeptiert, weil man den Bonus im Gehaltspaket hat. Das ist ein anderes Modell der Bezahlung. Wir denken aber immer, der Bonus ist das, was auf eine gute Bezahlung noch draufkommt. In Europa trifft das sicher oft zu, ist aber nicht die gängige Regelung.

STANDARD: Was haben wir aus der Krise gelernt ?

Walter: In Bezug auf Risikomanagement und Regulierung haben wir viel begriffen. Ob das schon in den nächsten ein, zwei Jahren zum Glück verhilft, glaube ich wegen der vielen "bad loans" nicht. Vielleicht werden wir 2012/2013 wieder auf gesunden Beinen stehen. Die Regulierung von außen wird ein stärkeres Gewicht bekommen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2009)

Zur Person

Norbert Walter (65) ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Vor seiner Pensionierung per Jahresende tritt er in Österreich noch beim Wertpapierforum auf. Ab Jänner setzt er auf Beratung und leitet "Walter & Töchter-Consult".

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