Was Unternehmen von #unibrennt lernen können

24. November 2009, 11:05
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Noch immer halten viele Firmen Online für ein Freizeitvergnügen, das man aus dem Betrieb möglichst draußen hält. Dabei verbringen Geschäftsführer, die über Investitionen entscheiden, zwei Stunden täglich im Netz

"Die Uni-Aktionen sind in Österreich das erste gelungene Beispiel breiter politischer Partizipation mithilfe sozialer Medien", begeistert sich Dieter Rappold, Geschäftsführer der Wiener Onlineagentur vi knallgrau. Über "Hashtags" (Stichwörter, mit denen Twitter-User Meldungen zu bestimmten Themen verfolgen können) wie #unibrennt und #audimax organisierten sich Studenten weit über die Unis und die Landesgrenzen hinaus – letztlich nahmen so auch protestierende deutsche Studenten Anteil.

Seine eigenen Medien machen, um seine Zielgruppen zu mobilisieren und zusammenzuhalten: Diese Lektion können vor allem kleine und mittlere Unternehmen von den studentischen Protesten mitnehmen, sagt Rappold. "In unserem Geschäft spielt Internet keine Rolle: Das ist immer noch ein Stehsatz in Firmen. Internet wird weiterhin als Freizeitmedium abgetan", sagt Rappold. Einschränkungen bei der Benutzung von Facebook oder anderen sozialen Medien am Arbeitsplatz belegen diese Einschätzung.

Eine Studie der deutschen Onlineagentur Virtual Identity (die vor kurzem die Mehrheit an knallgrau erwarb) in Zusammenarbeit mit Google zeigt jedoch, wie intensiv Entscheidungsträger Internet bei ihren Investitionsentscheidungen nutzen. Und zwar je höher in der Hierarchie, desto mehr: Mehr als zwei Stunden täglich verbringen Geschäftsführer online, ergab die Erhebung unter 750 Entscheidern. In Positionen knapp unter der Geschäftsführungsebene sind es 1,93 Stunden, bei Abteilungsleitern und Managern je 1,85 Stunden – E-Mail nicht mitgerechnet.

Internet führt

Vor allem um sich über ein Fachgebiet auf dem Laufenden zu halten und um einen Marktüberblick zu bekommen, führt Internet vor allen anderen Formen der Information, seien es Beratungsgespräche oder Austausch mit Kollegen bis zu Fachmagazinen, Messen oder Kongressen. Als Onlinequellen dienen Suchmaschinen, Herstellerseiten, Anbieterverzeichnisse, Online-Fachmedien, Blogs und Online-Communitys, ergab die Studie.

In diesem Informationsverhalten sieht Rappold gerade für kleinere Unternehmen eine große Chance. "Wo kann ein Tischler 'Ich will in den nächsten Monaten je 70 Euro für Werbung und Marketing ausgeben' sagen? KMUs haben bisher keinen Cent für Werbung ausgegeben", beschreibt Rappold die Schwierigkeit für Kleine, in traditionellen Medienstrukturen Werbung zu machen. Anders online, wo Werbung mit kleinster Münze dosiert werden kann. Ein Umstand, dem auch die Wirtschaftskammer Österreich Rechnung trug, als sie an die Teilnehmer ihres e-day 09 als Anreiz Gutscheine für Googles AdWords-Programm (schaltet Kleinanzeigen bei Suchen, die nur bei Anklicken bezahlt werden) verschenkte.

"Google hat den Megatrend 'do it yourself' auf Werbung und Marketing umgesetzt", sagt Rappold: zum Teil unentgeltliche Möglichkeiten wie Einträge im Kartenverzeichnis Google Map oder die Verwendung von Youtube für eigene Videos oder bezahlte Maßnahmen wie die Textanzeigen.

Wie sich ein Kleinunternehmen allein durch solche Maßnahmen nach oben katapultieren kann, zeigt Gary Vaynerchuk, ein heute in New Jersey lebender russischer Emigrant. Er hat sich in wenigen Jahren in den USA als Weinguru etabliert: Seit 2006 betreibt er das Videoblog Winelibrary.tv mit "wöchentlichen Sendungen". Neulich die 771. zum Thema "Der richtige Wein zum Thanksgiving-Truthahn". Sein Videoblog hat täglich rund 80.000 Besucher, auf Twitter folgen seinen Tipps 10.000 Personen. Die Online-Popularität geht auch an TV-Sendern nicht vorbei, die Gary regelmäßig einladen. Was das alles bringt? Innerhalb von sechs Jahren ist der Familienbetrieb von vier auf 50 Millionen Dollar Umsatz gewachsen.

"Soziale Medien zu verwenden scheitert nie am Budget, sondern immer am Know-how", sagt Rappold. Höchste Zeit für Unternehmen, ein paar der Twitterer, die unter #unibrennt besonders aktiv sind, zu Gesprächen einzuladen. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 24. November 2009)

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