Intelligenter Schwerbau

24. November 2009, 16:50
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Active Hybrid X6: der erste Vollhybrid-Wagen eines europäischen Herstellers. Mit 485 PS ist der BMW das leistungsstärkste Hybridmodell der Welt

12,5 Liter auf 100 km: Das wies der Bordcomputer des Active Hybrid X6 bei Schlüsselrückgabe an die BMW-Leute aus, nach einem knappen Tag Testfahrten zwischen Miami, Fort Lauderdale im Norden und Key Biscayne im Süden. Eine Idealstrecke insofern, als es stets brettleben dahingeht, andererseits viel Stop-and-go wegen beampelter Kreuzungen, wo der X6 seine Hybridqualitäten zeigen musste.

Wahrlich kein übler Wert, zumal im Normtestzyklus 9,9 l / 100 km erreicht werden - laut BMW 20 Prozent effizienter als die gesamte Konkurrenz, inklusive eigenen Nur-V8-Benziners (X6 50i, 407 PS: 12,8 l / 100 km). Es wäre allerdings nicht BMW, hätte man diesen ersten Vollhybriden eines europäischen Herstellers schwachmatisch angelegt: Das hier ist gleich einmal auch das leistungsstärkste Hybridmobil der Welt - 4,4-Liter-V8 und sogar zwei Elektromotoren ergeben insgesamt 485 PS. Na bum.

Damit schlägt Bayerns Flüstermacho den zweitplatzierten Lexus LS 600h um 40 PS: 445 Pferde mobilisiert Japans Hightech-Dickschiff mit 5,0-l-V8 und E-Motor, Normverbrauch hier: 9,3 l / 100 km. Toyotas Premiumtochter hat bekanntlich lange Erfahrung mit der prestigeträchtigen Technik. Umso beeindruckender, was BMW gleich beim ersten Anlauf auf die Räder stellt: Was nämlich das hochkomplexe Zusammenspiel von elektrischen Komponenten und Verbrennungsmotor betrifft, so verläuft das alles staunenswert harmonisch.

Der Vorsprung der Japaner scheint auf Anhieb egalisiert. Ob man gerade rein elektrisch fährt (was bis zu 2,5 km möglich ist), im kombinierten Betrieb, rein ottomotorisch oder ob im Schiebebetrieb respektive beim Bremsen Energie zurückgewonnen und in die Batterie eingespeist wird: Man muss schon am Display ablesen, was da gerade läuft. Stichwort Batterie: Wie Lexus/Toyota, setzt BMW im X6 auch auf die bewährte Nickel-Metallhydrid-Hochleistungsbatterie, sehen lassen kann sich die Kapazität von 2,4 Kilowattstunden.

Das 7-Gang- ist eigentlich ein modifiziertes 4-Gang-Getriebe von GM, was erstens bedeutet, dass selbiges (und auch dieser X6) ein Kind des Hybrid-Joint-Ventures zwischen GM, Daimler und BMW ist und zweitens ein Solitär bleiben wird. Denn inzwischen ist die ZF-8-Gang-Automatik fertig, die BMW alle möglichen Hybridausbaustufen ermöglichen wird, was nämlich zu einer neuen tragenden Säule werden soll in der BMW-Strategie der effizienten Dynamik. Und jedenfalls kann man jetzt sagen: Seht her, Leute, ständig ruft ihr nach deutschen Hybridmodellen - wir haben mit dem X6 sogar einen Vollhybriden im Regal, allzeit bereit für Umweltschutz de luxe.

Der Fortschritt ist wortwörtlich schwer erkauft: 250 kg zusätzlich bringt der antriebstechnische Dopplereffekt (der eine Grün- statt Rotverschiebung bewirkt) auf die Waage, und es ist der X6 als solcher schon kein Federgewicht. Anstelle von intelligentem Leichtbau betreibt BMW hier also sozusagen intelligenten Schwerbau.

Bleibt zuletzt noch die Frage: Wo fülle ich jetzt das Hybrid rein, wenn's einmal unverhofft ausgeht? (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/20.11.2009)

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  • Mit diesem X6 kann man bis zu 60 km/h und 2,5 km weit rein elektrisch, folglich CO2-frei, fahren.
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    Mit diesem X6 kann man bis zu 60 km/h und 2,5 km weit rein elektrisch, folglich CO2-frei, fahren.

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  • Die Nickel-Metall-hydrid-Hochleistungsbatterie sitzt unter dem Kofferraum.
    foto: werk

    Die Nickel-Metall-hydrid-Hochleistungsbatterie sitzt unter dem Kofferraum.

  • Einziger halb-wegs direkter Gegner: Lexus RX 450h. Gesamtleistung 299 PS, Verbrauch: 6,3 l / 100 km.
    foto: werk

    Einziger halb-wegs direkter Gegner: Lexus RX 450h. Gesamtleistung 299 PS, Verbrauch: 6,3 l / 100 km.

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