Haarsträubende Mängel bei britischem Einmarsch

23. November 2009, 21:11
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Schwere Vorwürfe gegen Ex-Premier Tony Blair: Untersuchung eingeleitet - Mit Livestream

In London beginnt am Dienstag die amtliche Untersuchung des Irakkrieges von 2003. Die Untersuchung soll via Livestream öffentlich zugänglich sein. Auf der Website des Journalisten Chris Aimes begleiten Irak-Experten die Untersuchung. Die Vorwürfe gegen Ex-Premier Tony Blair und die damalige militärische Führung sind gravierend.

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Es fehlten schusssichere Westen und Munition, gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber. Soldaten mussten mit Zivilflugzeugen zum Einsatzort reisen, am Flughafen wurden ihre Nagelscheren konfisziert. Dafür tauchte in der Wüste des Irak, so ein Kommandeur, "ein Container voller Ski" auf. "Auf den Punkt gebracht", sagt der Nachschub-Spezialist, Generalmajor Tim Cross, habe die langfristige Planung aus der Maxime bestanden: "Wir brauchen keinen Plan."

Von Dienstag an untersucht eine Regierungskommission in London Vorgeschichte und Realität des Irakkrieges aus britischer Sicht. An haarsträubenden Details fehlt es schon vorab ebenso wenig wie an markigen Beteuerungen des Untersuchungsleiters. Sein fünfköpfiger Ausschuss werde ein "vollständiges Bild" darstellen und "keine Reinwaschung", sagt John Chilcot (70), der zuletzt beamteter Staatssekretär im Verteidigungsministerium war. Dass die Zeugen bei den öffentlichen Anhörungen in einem Londoner Konferenzzentrum Lügen auftischen, hält Chilcot schon deshalb für unwahrscheinlich, "weil wir die gesamten Regierungsakten bereits kennen ..."

Quelle: Youtube

Das war bei den bisherigen Untersuchungen nicht immer so, die meisten Fakten sind dennoch bekannt: Der "schwerste Fehler britischer Außenpolitik der vergangenen Jahrzehnte", so der konservative Ex-Außenminister Malcolm Rifkind, war spätestens seit dem Frühjahr 2002 beschlossene Sache. Dennoch beteuerte Premierminister Tony Blair noch bis Ende 2002 das Gegenteil, die Armee durfte ihre Detailplanungen erst kurz vor Weihnachten beginnen.

Halbherzige Besetzung

Dem Einmarsch im März 2003 folgte die halbherzige Besetzung des Zweistromlandes. Viele britische Beteiligte wollen die Schuld an dem Bürgerkrieg der folgenden Jahre gern ausschließlich den Amerikanern in die Schuhe schieben. Doch auch in der britischen Besatzungszone um die südirakische Metropole Basra brach die Sicherheit zusammen. So steht es im detaillierten Bericht des Verteidigungsausschusses im Unterhaus. Er kam zu dem Schluss, die Briten hätten Basra den schiitischen Milizen und der von ihnen durchsetzten "mörderischen und korrupten" Polizei überlassen.

Auch britische Soldaten waren in Mord und Folter verwickelt, das legen jedenfalls vielfältige Aussagen irakischer Opfer nahe. Doch nicht einmal im eklatantesten Fall, dem Prügel-Tod des Hotel-Angestellten Baha Mousa, kam es vor britischen Kriegsgerichten zu Verurteilungen der Beschuldigten. Einem Offizier der ermittelnden Militärpolizei bescheinigte der Londoner High Court kürzlich "einen Mangel an der notwendigen Objektivität und Vertrauenswürdigkeit".

Nicht zuletzt die Hinterbliebenen der 179 im Irak getöteten Soldaten erhoffen sich von Chilcots Untersuchung ein objektives Wort, das, wie von Premier Gordon Brown erhofft, "unsere Demokratie, unsere Diplomatie und unsere Streitkräfte" stärkt. Es sind Zweifel erlaubt, ob dieser Wunsch in Erfüllung geht. Tony Blair gilt selbst EU-Diplomaten in London als "Lügner", doch britische Beamte sind zu klarer Sprache selten in der Lage. Die beiden bisherigen Untersuchungen sprachen Blair jedenfalls vom Vorwurf frei, er habe Parlament und Öffentlichkeit belogen. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2009)

Wissen: US-Militärs als "Marsmenschen"

Zahlreiche ranghohe britische Offiziere hätten sich beim Londoner Verteidigungsministerium über ihren geringen Einfluss auf die Entscheidungen ihrer US-Kollegen im Irak beklagt, heißt es in dem Bericht für die Untersuchungskommission, aus dem der Daily Telegraph seit Tagen genüsslich zitiert.

Der oberste Kommandant, Generalmajor Andrew Stewart, verglich seine US-Kollegen demnach mit einer "Gruppe Marsmenschen", denen jeder "Dialog völlig fremd" sei. Zwischen dem britischen Hauptquartier in Basra und der US-Führung in Bagdad habe es nicht einmal eine "gesicherte Funkverbindung" gegeben. Stabschef J. K. Tanner bemängelte, dass die britische Militärführung "ungeachtet unserer sogenannten ,besonderen Beziehungen' nicht anders behandelt" worden sei "als die Portugiesen". (red)

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iraqinquiry.org.uk

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    Tony Blair auf Truppenbesuch in Basra: Dem Ex-Premier wird vorgeworfen, Großbritannien ohne Anlass in den Krieg geführt zu haben.

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    Angehörige im Irak getöteter Soldaten dürfen an der Sitzung des Untersuchungsausschusses teilnehmen. Im Bild Rose Gentle, die ihren Sohn Gordon verlor.

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    Ein britischer Soldat sichert den Schauplatz nach einem Bombenanschlag nahe dem besetzten Basra. Erst lange nach Kriegsbeginn waren die Truppen ihrer Majestät adäquat ausgerüstet.

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