"Das Leid der Lehrer ist den Leuten egal"

25. November 2009, 11:43
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Ohne sie geht nichts in der Schulpolitik: Lehrergewerkschafter haben eine dicke Haut, Sitzfleisch und viele Feinde - Ein Porträt der machtbewussten Lobbyisten

Am 25. und 26. November werden Walter Riegler, Eva Scholik und Jürgen Rainer ihre Zeugnisse ausgestellt bekommen. Bei den Personalvertretungswahlen (siehe Berichterstattung auf derStandard.at) wird sich zeigen, ob die Lehrer mit den Leistungen der Lehrergewerkschafter in den letzten Jahre zufrieden waren. Zu tun gab es genug: So hielt beispielsweise der Streit um die Lehrer-Arbeitszeit das Land im Frühjahr wochenlang in Atem. Die Lehrergewerkschafter waren zur Stelle, um die Anliegen der Lehrer in der Öffentlichkeit vehement zu verteidigen. Walter Riegler, Eva Scholik und Jürgen Rainer (aus der Fraktion Christlicher Gewerkschafter) taten dies und ernteten dafür nicht nur Lob, sondern auch Kritik. 

Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft, hat kein Problem damit stellvertretend für die "Lehrerschaft" im Kreuzfeuer der Kritik zu stehen: "Das liegt in meiner Funktion begründet und damit muss ich umgehen können. Ich kann es nicht allen recht machen", sagt sie. Walter Riegler, Vorsitzender der Pflichtschulgewerkschaft, sieht das ähnlich: "Dass das eine schwierige Rolle ist, die ich hier einnehme, war mir klar." Vieles, was in den Weiten der Öffentlichkeit von sich gegeben werde, habe aber nichts mehr mit Kritik zu tun. "Man braucht eine sehr dicke Haut, wenn Leute, die man nicht kennt, sich in relativ unflätiger Art und Weise über einen auslassen."

Lehrer-Arbeitszeit: "Thema noch nicht erledigt"

Die Bildungsministerin hat dafür gesorgt, dass den Lehrergewerkschaftern in der letzten Zeit nicht langweilig wurde. "Der Job ist sehr spannend und abwechslungsreich. Es gibt immer wieder Dinge, mit denen man absolut nicht rechnet", spielt Scholik auf die Erhöhung der Lehrer-Arbeitszeit an. "Das ist für uns sehr überraschend gekommen. Ich orte, dass das Thema für die Frau Ministerin noch nicht erledigt ist", sagt Scholik, die nach wie vor Geschichte und Turnen an einer Wiener AHS unterrichtet.

Die Kommunikation mit dem Ministerium scheint noch immer ein Problem zu sein. "Die Ministerin hat die Tendenz, uns Neuigkeiten über die Öffentlichkeit auszurichten und das ist für die Zusammenarbeit nicht gerade optimal", kritisiert Scholik. Walter Riegler bemängelt ebenfalls, dass die Lehrergewerkschaft zu spät in Entscheidungsprozesse eingebunden werde: "Ministerin Schmied hat ursprünglich ja gar nicht mit uns verhandeln wollen, als es um die Lehrerarbeitszeit ging. Es war nicht meinem Einsatz zu verdanken, sondern den sozialpartnerschaftlichen Grundsätzen, dass wir uns dann am Verhandlungstisch getroffen haben und diese Dinge sehr lange ausgesprochen haben."

"Weniger Emotion von Vorteil"

Dass das Image der Lehrerschaft durch das harte Auftreten der Gewerkschaft möglicherweise Einbußen erlitten hat, kann sich Thomas Bulant, sozialdemokratischer Lehrergewerkschafter, schon vorstellen. "Die Lehrergewerkschaft hat ihre Vertretungspolitik als Standespolitik begriffen und daher optimal agiert. Allerdings ist das Leid der Lehrer den Leuten egal." Es wäre für die Lehrer einfacher in den Öffentlichkeit gewesen, wenn sie auf das Wohl der Schüler hingewiesen hätten. "Wenn ich die Arbeitsbedingungen für die Lehrer optimiere, kommt das ja auch immer den Schülerinnen und Schülern zu gute. Diese Denkweise vermisse ich teilweise bei Scholik, Riegler und Rainer", sagt Bulant. Michael Zahradnik zur Verhandlungsweise mit dem Ministerium: "Die beiden Damen (Anm.: Eva Scholik, Claudia Schmied) haben sich sehr ineinander verbissen. Da wäre von beiden Seiten ein bisschen weniger Emotion von Vorteil."

Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fraktionen in der Lehrergewerkschaft klappt für die einen gut, für die anderen weniger gut. "Man hat manchmal das Gefühl, dass die christlichen Gewerkschafter die Lehrer-Gewerkschaft als ihr Privateigentum ansehen. Die anderen Fraktionen sind da manchmal nützlich, zumeist aber nur ein lästiges Anhängsel", kritisiert Bulant, Vertreter der Pflichtschulen von der Fraktion sozialdemokratischer GewerkschafterInnen (FSG). "Auch wenn ich Walter Rieglers Stellvertreter bin, sieht er offensichtlich nur selten eine Gesprächsnotwendigkeit." Michael Zahradnik, FSG-Vertreter in der AHS-Lehrergewerkschaft, freut sich hingegen über die gute Zusammenarbeit mit Eva Scholik: "Wir haben relativ viel miteinander zu tun. Dadurch, dass uns die Ministerin ja  immer wieder etwas zum Auflösen gibt, schweißt das auch zusammen." Die Frage nach einer gemeinsamen Schule für alle Zehn- bis 14-Jährigen würde massiv in die Substanz der AHS eingreifen. "Zwei Drittel unserer Leute unterrichten in der Unterstufe. Wenn man das jetzt durchmischen würde, hätten wir jede Menge dienstrechtlicher und versorgungsrechtlicher Bedenken."

"Wahlen wie in Afghanistan"

Die jetzige Form der Neuen Mittelschule (NMS) wird daher von christlichen und sozialdemokratischen AHS-Lehrergewerkschaftern abgelehnt. "Das ist ein Etikettenschwindel und ein getarntes Sparpaket", gibt Zahradnik zu bedenken. Eine gemeinsame Schule nach dem finnischen Modell, also AHS-Qualität für alle, sei für ihn hingegen erstrebenswert. "Das kann sich Eva Scholik nicht vorstellen. Für sie ist das getrennte Schulsystem ein wesentliches Kriterium der Schullandschaft", so Zahradnik über seine Kollegin. Scholik will sich nicht als Reformverweigerin sehen: "Die Qualität und der Nutzen für unsere SchülerInnen und LehrerInnen hat im Vordergrund zu stehen, nicht das ideologische oder parteipolitische Interesse."

Der anstehenden Personalvertretungswahl blicken die christlichen Gewerkschafter (FCG) optimistisch entgegen. "Wir haben sehr gute Arbeit geleistet und ich glaube, dass sich das auch in der Wahl niederschlagen wird", so Riegler. Für die sozialdemokratischen Gewerkschafter wird es hingegen schwierig werden. "Es gibt Bundesländer, wo nur eine Liste wahrnehmbar ist, weil aufgrund der landespolitischen Verhältnisse eine andere Liste gar keine Chance hat. In manchen Bezirken laufen Wahlen wie in Afghanistan ab. Von einem geheimen und gleichen Wahlrecht kann da nicht die Rede sein. Aber wo kein Kläger, da kein Richter", kritisiert Bulant. (Teresa Eder/derStandard.at, 24.11.2009)

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    Walter Riegler über seine Rolle als Lehrergewerkschafter: "Ich mache das nicht für mein Ego."

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    Michael Zahradnik, sozialdemokratischer Lehrer-Gewerkschafter über Eva Scholik (FCG): "Sie ist eine sehr genaue Person."

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