Rundschau: Cthulhus weniger bekannte Seiten

    19. Dezember 2009, 09:43
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    Neues unter anderem von Arthur C. Clarke & Frederik Pohl, Charles Stross, Ricardo Pinto, Markus Heitz und Robert Asprin

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    coverfoto: bantam press

    Ricardo Pinto: "The Third God"

    Gebundene Ausgabe, 704 Seiten, Bantam Press 2009.

    She squeezed the ruby into her left eye socket, felt a pop, then sensed its shape inside her head. Schon der Eröffnungssatz von "The Third God" ruft in Erinnerung, wofür die ersten beiden Teile der "The Stone Dance of the Chameleon"-Trilogie des in Schottland lebenden Portugiesen Ricardo Pinto standen: eine einzigartige Verbindung von Körperlichkeit, Prunk und Gewalt - Schmerz eben als eine der intensivsten sinnlichen Wahrnehmungen verstanden. Denn auch das brachte das Jahr 2009: Den von vielen nicht mehr erwarteten Abschluss eines monumentalen Epos, das 1999 mit "The Chosen" begann und 2001 mit "The Standing Dead" fortgeführt wurde. Und dann ... nichts mehr, acht Jahre lang. Ein Albtraum für jeden Verlag, und ob "Der Steinkreis des Chamäleons" auch auf Deutsch abgeschlossen wird ("Die Auserwählten" und "Die Ausgestoßenen" erschienen 2001/2002 bei Klett-Cotta), ist daher mehr als fraglich. Aber das Warten hat sich eindeutig gelohnt.

    Während es in der High Fantasy öfter als notwendig um ein unwidersprochen als "gut" hinzunehmendes Königreich geht, das a) aktuell bedroht wird oder b) einst unterging und nun wiederhergestellt werden soll, handelt es sich bei Pinto um einen Fall dystopischer Fantasy, wenn man so will: Denn die beispiellos grausame Herrschaft der Gebieter kennt keine  Alternative in Raum oder Zeit, erstreckt sich über die gesamte bekannte Welt und hält seit Beginn der Geschichtsschreibung an. Teil 1 ("The Chosen") ist im Prinzip eine einzige Initiation in Form einer Reise: Der junge Carnelian (auf Deutsch: Karneol) wird mit seinem Vater vom familiären Inselexil ins Kernland zurückgebracht. Dabei lernt er auf die harte Tour, dass im Bewachten Land und dessen Mittelpunkt, dem in einem riesigen Krater gelegenen Osrakum, das Gesetz der Gebieter nicht so locker gehandhabt wird wie auf der abgelegenen Insel. Vor allem ist es in der strengen Gebieter-Hierarchie untersagt, das Gesicht eines Höhergestellten zu sehen. Als Carnelian einmal vergisst, seine Goldmaske anzulegen, wird ein Massaker unter der schuldlosen Schiffsbesatzung angeordnet. Nach oben gibt es dabei keine Grenze: Sollte ein Gebieter einfach aus einer Laune heraus seine Maske vor einer Tausendschaft lüpfen, würden sie alle anschließend abgeschlachtet. Zugleich sind die Masken Teil eines erstickenden Protokolls, mit dem sich die Gebieter vor der Welt abschotten: Zentnerschwere Roben machen Bewegungen bei offiziellen Anlässen fast unmöglich, die Außenlande betreten Gebieter nur auf Rangas genannten halbmeterhohen Plateauschuhen, Ganzkörperschminke soll die Bildung von Farbpigmenten verhindern - und Carnelian muss beim Betreten Osrakums einige äußerst invasive Reinigungszeremonien über sich ergehen lassen.

    Furchterregend auch die Weisen, die aller Sinne beraubt und kastriert wurden, um ohne Ablenkung durch äußere Wahrnehmungen die unter der Oberfläche fließenden Ströme der Realität verarbeiten zu können. Sie kommunizieren ausschließlich über Homunculi: Ebenfalls künstlich deformierte Menschen, die sie im Würgegriff halten und ihnen über ihre Finger Anweisungen zupochen. Dazu eine inzestuöse Gottkaiserfamilie, eine Elitegarde aus Siamesischen Zwillingen, Blutopfer und eine auf Blutlinien basierende Hierarchie - die ganze zutiefst widernatürliche Fixierung der Gebieter auf Tod und Verstümmelung ist in ihrer elaborierten Beschreibung nicht nur an sich faszinierend, sie wird in Teil 3 nun auch eine überraschende Erklärung finden. - Dem gegenüber steht der unvorstellbare und ebenso detailreich geschilderte Prunk der juwelengeschmückten Gebieter-Domäne. Bestes Beispiel dafür ist eine Szene, in der Carnelian vom Kratersee vor seinem Familiensitz in Osrakum an Land geht, einen Kiesel aus dem Wasser hebt und feststellt, dass jedes einzelne Steinchen in der Bucht - vollkommen sinnlos, da unsichtbar - von Hand in Form geschnitzt wurde. Pinto war ursprünglich Computerspiel-Designer, was ihm in Sachen Detailfülle zugute kommt. Kurzer Rekurs auf Tad Williams: In dessen "Otherland" wäre Pintos Simwelt mit Sicherheit eine der spektakulärsten. Eine den Glyphen und Ornamenten nach ungefähr mesoamerikanische übrigens, und nur um das Bild zu vervollständigen: Säugetiere sind hier außer den Menschenvölkern keine bekannt. Man reitet auf aquar genannten zweibeinigen Sauroiden oder zieht in den Napalmwerfer-bewehrten Kampftürmen in die Schlacht, die die gigantischen huimur auf ihren Rücken tragen (das Titelbild ist hier ausnahmsweise mal ziemlich akkurat).

    Am Ende von Teil 1 erlebt Carnelian ein kurzes Liebesglück mit dem gleichaltrigen Osidian - ohne zu ahnen, dass es sich um den rechtmäßigen Thronerben handelt. Im Zuge einer Palastintrige werden die beiden entführt und aus Osrakum geschafft, überleben jedoch und gelangen in Teil 2 ("The Standing Dead") zu den Halbnomaden des Erdhimmellands. Und hier beginnt die allmähliche Entzweiung der beiden. Bei Osidian schlägt immer stärker das Gebieter-Erbe durch, skrupellos verfolgt er seinen Racheplan und baut eine Armee auf, um seinen Usurpator-Zwilling vom Thron zu stoßen. Leidtragende sind die "Barbaren", die als Bauern für Osidians Schachzüge in Gemetzel über Gemetzel getrieben werden. Carnelian, der in der Außenwelt sein Herz für die "niederen" Völker entdeckt, ist hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Abscheu, kann sich aber nie wirklich dazu durchringen Osidian endlich aus dem Weg zu räumen (was den Roman trotz stark erhöhter Action-Quote bisweilen ein wenig zäh macht). - In Teil 3 nun hat es Osidian geschafft und marschiert an der Spitze seiner Armee auf das Kernland des Reichs zu. "The Third God" wird damit in gewisser Weise zu einem Spiegelbild von Teil 1, doch unter geändertem Vorzeichen. Und während die Reise diesmal mit einer Verwüstung ungeahnten Ausmaßes einhergeht, kommt Carnelian immer mehr zu dem Schluss, dass die Gebieter nichts anderes sind als das Krebsgeschwür der Welt.

    Pintos Trilogie polarisierte nach den ersten beiden Dritteln auf verschiedenste Weise: Zum einen was das Verhältnis von Beschreibungen und Handlungsfortschritten anbelangt (das in Teil 3 wohlausgewogen ausfällt), zum anderen was unerwartete (und vielleicht unerwünschte) Plot-Wendungen betrifft. Geschmackssache. Ein öfters vorgebrachter Vorwurf darf jedoch nicht unwidersprochen bleiben: nämlich der gegen den irrwitzigen Gewaltpegel. Hängt ganz davon ab, ob die Gewalt bejahend oder als das, was sie ist, geschildert wird. Und dafür muss man nur genau schauen, wo der Autor ins Detail geht. Die Schlachten selbst werden ohne Hurra und Heldenmusik eher kursorisch beschrieben - ihre Folgen dafür umso ausführlicher, und die sind widerwärtig bis zum Erbrechen. Bildhafte Szenen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman: Zu Beginn muss Carnelian, von Leichensäften bedeckt, die Folgen eines von Osidian ausgelösten Massakers beseitigen, so wie er später durch Scheiße waten wird, als sie durch die Kanalisation in eine Stadt eindringen - und wie er noch später durch napalmüberzogene Schlachtopfer irrt. "Leichenberge" ist hier erstmals wörtlich zu verstehen - genauer gesagt werden es ganze Landschaften aus Leichen sein. Ein kataklysmisches Finale, das noch dazu mit einigen unerwarteten Eröffnungen über die Geschichte der Welt aufwartet - der lange hinausgezögerte Abschluss ist tatsächlich zum besten Teil der Trilogie geworden, und diese in ihrer Einzigartigkeit zu einem der besten Fantasy-Epen der vergangenen Jahrzehnte. Überwältigend.

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