Rundschau: Cthulhus weniger bekannte Seiten

    19. Dezember 2009, 09:43
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    Neues unter anderem von Arthur C. Clarke & Frederik Pohl, Charles Stross, Ricardo Pinto, Markus Heitz und Robert Asprin

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    coverfoto: heyne

    Charles Stross: "Die Kinder des Saturn"

    Broschiert, 448 Seiten, € 9,20, Heyne 2009.

    Vor 200 Jahren hat Freya Nakamachi-47 ihre Einzig Wahre Liebe verloren: die Menschheit. Was für die Androidin eine Reihe von Problemen aufwirft, nicht zuletzt ein körperliches: Immerhin wurde sie als Sexarbeiterin programmiert und nach dem Ebenbild ihrer Schöpfer angefertigt. Heute ist sie ein 1,70 Meter großes Riesenfossil in einer voll-robotischen Gesellschaft, in der Modelle das Sagen haben, die nach den Anime-Stereotypen Chibi (großäugiges Kind) oder Bishōjo (elfenhaftes Weibchen) gestaltet wurden. Zwerge und Xenomorphe sind auch aus praktischen Gründen im Vorteil, etwa was den Platzbedarf bei den sündhaft teuren Raumreisen anbelangt - doch Freya identifiziert sich mit ihrem Körper. Selbst wenn sie ihn im Verlauf der Handlung auf mehr als nur eine Weise mit anderen teilen wird.

    In gewisser Weise ist der in Schottland lebende Star-Autor Charles Stross also dem posthumanen Szenario treu geblieben - es sieht in seinem aktuellen Roman (2008 als "Saturn's Children" erschienen) nur ein wenig anders aus als in den rauschenden Erfolgen "Accelerando" und "Glashaus". Dass die Menschheit ausgestorben ist, erfahren wir so beiläufig, wie sich unser Ende offenbar auch vollzogen hat: Infolge eines sang- und klanglosen Bevölkerungsrückgangs wurden immer mehr Aufgaben an kurzsichtig programmierte Roboter übertragen, die ohne Blick auf das Ganze brav vor sich hin werkelten, während sich das endgültige Aus vollzog und die Biosphäre durch Vernachlässigung vernichtet wurde. Und während auf der steril gekochten Erde kein Lebewesen mit Zellkern übrig geblieben ist, hat die Zivilisation nicht einmal eine Mittagspause eingelegt - nur macht sie eben ohne ihre Gründer weiter. Dafür wurde inzwischen das gesamte Sonnensystem - ohnehin kein Ort für eingedoste Primaten, wie Freya sinniert - besiedelt. Stross entwirft eine Reihe spektakulärer Habitate, von schwebenden Vergnügungskomplexen in der Venus-Stratosphäre über den altnordisch "Bifröst" benannten Weltraumlift zwischen Mars und dessen Mond Deimos bis hin zur rollenden Nomadenstadt Cinnabar, die auf der Merkuroberfläche der Tag-Nacht-Grenze auf Schienen folgt. Auch die verschiedensten in der Theorie bereits existierenden Konzepte für Raumschiffantriebe kommen hier zur Freude von Technik-Fans der Reihe nach zum Einsatz.

    Doch glaube keiner, die künstliche Gesellschaft wäre ein lebloser Ort. Unterteilt ist sie in die drei Klassen der Aristos, der wenigen Unabhängigen und der großen Masse an Sklaven, die alle Arbeiten verrichten und von ihren Besitzern per Chip-Kontrolle so behandelt werden, wie niemand mehr genannt werden möchte, nämlich wie Roboter. Und ob Androide, Raumschiff, Terminal, Weltraumfahrstuhl oder welche intelligente Gerätschaft auch immer - sie alle sind geistig nach menschlichem Vorbild geschaffen, personalisiert und - ganz wichtig - sexualisiert. Wenn Freya sich mit der Aristokratin Granita Ford vergnügt, mag man sich an Björks Video zu "All Is Full Of Love" erinnert fühlen (auch wenn in diesem speziellen Fall alles eher voller Dominanz und Berechnung ist) - die Bandbreite an Möglichkeiten ist damit aber bei weitem nicht ausgeschöpft. Sex im Hotel mag ja ein altes Motiv sein - doch Sex mit dem Hotel dürfte eine ziemliche Premiere darstellen. Und wem die Verknüpfung von Hard-SF und Hardcore jetzt irgendwie seltsam vorkommt - Stross denkt nur die möglichen Konsequenzen künstlicher Intelligenz weiter. Außerdem schildert er die Geschehnisse aus der Perspektive einer Hauptfigur, für die Sex integraler Bestandteil ihrer Existenz ist. Freyas Neigung zu Galgenhumor und Selbstironie bestimmt darüberhinaus maßgeblich den Ton der Erzählung. Stross hat ja den Ruf als Prophet der Singularität weg - da wird sein schräger Sinn für Humor leicht übersehen. In "Saturn's Children" lebt er den auf vielfältige Weise aus.

    Stross macht sich ein Vergnügen daraus, uns Szenen und Topoi unterzujubeln, die wir aus anderen Genres kennen. Etwa wenn ausrangierte Minenroboter auf einem endlosen Güterzug durch die Marswüste schippern wie Hobos im Amerika der Großen Depression. Und wer kennt nicht die Szene, in der der Ermittler von Gangstern an einen Schienenstrang gefesselt wird? Nur dass hier statt eines Zugs eine ganze Stadt auf Freya zurumpelt ... und sie über einige hilfreiche Möglichkeiten verfügt ihr Haar und ihre körpereigenen High Heels einzusetzen. Und wenn Freya für eine Geheim-Mission in aristokratischem Benehmen gedrillt wird, dann hallt darin Luc Bessons "Nikita" ebenso nach wie - geht man zeitlich weiter zurück - Eliza Doolittle aus "My Fair Lady". Abgeholt wird Freya im Anschluss übrigens von einem Raumschiff namens Pygmalion, womit wir beim Ursprung des Motivs angelangt wären. Solcherart spielerische Verweise gibt es zuhauf, noch vergnüglicher wird es allerdings, wenn sich Stross der um 180 Grad gedrehten Perspektive widmet, die eine Gesellschaft künstlicher Lebewesen bietet. Die Evolutionslehre mit ihren Evangelisten Darwin und Dawkins etwa kann gar nichts anderes sein als eine belächelte Religion ... in einer Welt, die nachgewiesenermaßen Schöpfer hat. Beziehungsweise hatte. Und das von vielen SF-AutorInnen beschworene Bedrohungsszenario durch nanotechnologisches Grey Goo spiegelt sich hier im hysterischen Eifer der Roboter wider, ihre Habitate vor der Invasion durch selbstreplizierendes Green Goo (Pflanzen) oder Pink Goo (Tiere) zu schützen. Selbst der Kulminationspunkt der Handlung wird letztlich eine Neubearbeitung des klassischen SF-Plots vom wissenschaftlichen Rüstungswettlauf sein: Was machbar ist, wird auch gemacht - ohne Rücksicht auf die Folgen, denn wenn wir es nicht tun, werden andere eben schneller sein ...

    Auf die nackte Handlung reduziert, ist "Saturn's Children" eine klassische Agentengeschichte: Freya wird von einem undurchsichtigen Auftraggeber dazu bestimmt, ein Paket vom Merkur zum Mars zu bringen. Und während ihre Reise sie immer weiter hinaus ins Sonnensystem führt, verstrickt sie sich in ein kompliziertes Intrigenspiel voller Geheim- und Doppelidentitäten. Verschärft noch dadurch, dass sie das gespeicherte Gedächtnis einer Schwester aus ihrer Baureihe in sich trägt, wodurch Erinnerungen und schließlich auch Persönlichkeiten zunehmend miteinander verschmelzen und Stross einmal mehr das Thema posthumaner Identitäten ausbreiten kann. Letztlich ist der Agenten-Plot damit wie bei allen guten Geschichten nur die Straße, auf der die Handlung dahinfährt und von der aus sich allmählich das ganze Panorama entfaltet. Und auch wenn der ganz große Knall am Ende ausbleibt, ist der Roman ebendas: eine gute Geschichte.

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