Rundschau: Cthulhus weniger bekannte Seiten

    19. Dezember 2009, 09:43
    65 Postings

    Neues unter anderem von Arthur C. Clarke & Frederik Pohl, Charles Stross, Ricardo Pinto, Markus Heitz und Robert Asprin

    Bild 3 von 10
    coverfoto: atlantis

    Robert Asprin: "Tambu"

    Broschiert, 185 Seiten, € 13,30, Atlantis 2009.

    Schon mehrfach wurde an dieser Stelle das genrehistorische Bewusstsein gelobt, das gerade Kleinverlage in Form von Wiederveröffentlichungen und Neuübersetzungen älterer Werke demonstrieren. Sei es die Edition Phantasia, Shayol oder auch Milena. Wurdack bringt seit einiger Zeit die deutsche "Mark Brandis/Weltraumpartisanen"-Reihe der 70er Jahre neu heraus: Wer noch nebelhafte Jugenderinnerungen an Titel wie "Unternehmen Delphin" oder "Salomon 76" hat, kann diese nun auffrischen. Und das Haus Atlantis hat einen bislang erstaunlicherweise unübersetzt gebliebenen Roman eines Autors aufgespürt, der sich über Mangel an Popularität eigentlich nicht beklagen konnte: Robert Asprin. Der im Vorjahr verstorbene US-Amerikaner wird hierzulande vermutlich hauptsächlich mit humoristischer Fantasy assoziiert, ein Genre, das mit Asprins "Dämonen"-Reihe und etwas später folgenden Zyklen wie Pratchetts "Scheibenwelt" oder Alan Dean Fosters "Bannsänger" überhaupt erst seinen globalen Siegeszug startete. Ende der 70er Jahre experimentierte Asprin aber noch mit verschiedenen Erfolgsrezepten. In dieser frühen Phase entstanden auch drei sehr unterschiedlich geartete Science Fiction-Romane: Die Dystopie "Der Weltkriegskonzern", der Weltraumkrieg von Reptilien versus Rieseninsekten in "Die Käfer-Kriege" - und das 1979 geschriebene und nun erstmals auch auf Deutsch erschienene "Tambu". Herausgegeben mit Vor- und Nachwort sowie einer Bibliografie - wie in der guten alten Genre-Zeit, als sich die Großverlage auch noch mehr Mühe gaben.

    Tambu ist der Name eines Flottenführers und interstellaren Kriegsherrn - Mythos und Geißel der Menschheit gleichermaßen. Und ebender lädt nun den jungen Reporter Erickson zum Interview ein, um seine Sicht der Dinge zu schildern und sein Image in ein anderes Licht zu rücken. Bewusst hat er den idealistischen Erickson ausgewählt, denn der glaubt noch fest an den Unterschied zwischen Wahr und Falsch, zwischen Gut und Böse. Wie sehr diese Begriffe ineinander übergehen oder gar die Plätze tauschen können, darum dreht sich der Roman, der sich als Mischung aus Kammerspiel und Space Opera gestaltet. In Rückblenden erzählt "Tambu" die Stationen seines Lebenswegs, eingebettet sind diese in die gegenwärtigen Gespräche zwischen Tambu und Erickson ... wobei letzterer seinen Interviewpartner nie zu Gesicht bekommt und nur mit einem dunklen Bildschirm spricht.

    Vom Crewmitglied eines Weltraumtransporters, das einen Notfall-Plan entwirft, wie man nach dem Tod des Captains weiterhin ein Auskommen finden kann, über den Piraten-Jäger zum Schutzgeld-Erpresser und schließlich (vermeintlichen) Kriegsherrn führte Tambus Weg seiner Erzählung nach - sein organisatorisches Talent kam ihm dabei sehr zupass (im Nachwort weist Christian Endres darauf hin, wie sehr sich Asprins zeitweiliger Job als Buchhalter im ökonomischen Denken und Planen seiner Romanfigur niedergeschlagen haben mag). Eine strategische Entscheidung war es auch, sich selbst zum Mythos zu stilisieren, indem er - wie gegenüber Erickson - ausschließlich per bildloser Funkübertragung kommuniziert und auch niemals preisgibt, auf welchem Schiff der Flotte, die er im Lauf der Jahre um sich versammelt hat, er sich tatsächlich aufhält. Nur die Mitglieder seiner Original-Crew und die später hinzugekommene Schiffskommandantin Ramona (die 70er lassen grüßen ...), die zu seiner Lebensgefährtin wird, kennen seine wahre Identität. Zugleich wird Tambus Strategie immer mehr zu einem sich verselbstständigenden System - in einer Schlüsselszene fühlt sich der vermeintlich souveräne Planer wie der Lenker eines Gleiters ohne Bremsen.

    Die den Rückblenden vorbehaltenen Action-Teile des Romans - ein etwas schmalbrüstiges Diät-Produkt der sonst so materialschlachtverliebten Military-SF, wie es im Nachwort treffend heißt - sowie die geraffte Art, in der die Entwicklung der Charaktere und von Tambus Armee geschildert werden, treten auf beiden Zeitebenen hinter die Dialoge zurück. Denn diese sind letztlich die eigentliche Handlung des Romans, zugespitzt auf das Dilemma, wo sich Wahrheit finden lässt, wenn moralische Grenzen verschwimmen. Erickson erkennt so nach und nach, dass seine feste Überzeugung nur eine Seite der Medaille ist und die Verteidigungsallianz, die sich gegen Tambu formiert hat, nicht unbedingt das Recht auf ihrer Seite haben muss: "Es ist ein gigantisches Spiel von Bewegung und Gegenbewegung, mit sehr geringen Unterschieden zwischen den Spielern."

    ... oder auch nicht. Erickson wäre ein schlechter Journalist, wenn er die "differenzierte" Selbstdarstellung Tambus für bare Münze nähme. Schon zu Beginn räumt der Interviewte ein, dass zumindest alle Personennamen erfunden sind - aber auch, dass "Tambu" genauso gut eine Seifenmarke sein könnte. Und sollte er tatsächlich der begnadete Manipulator sein, der die Konferenzen seiner Flottenkapitäne wie ein Marionettenspieler stets in die gewünschte Richtung lenkt, dann könnte auch die ganze Aktion zur Image-Korrektur ein reiner PR-Trick sein. Vielleicht ist Tambu in Wirklichkeit ja doch der blutsaufende Verbrecher, als den ihn die Verteidigungsallianz ansieht - wir werden es nie erfahren, denn das steht nicht im Roman. Aber alleine dass er solche Interpretationsmöglichkeiten offenlässt, hebt ihn über andere Weltraumpiraten-Abenteuer wie etwa Mike Resnicks "Wilson Cole"-Reihe hinaus und macht ihn zu einer willkommenen Ergänzung der hauseigenen SF-Bibliothek.

    weiter ›
    Share if you care.