Rundschau: Cthulhus weniger bekannte Seiten

    19. Dezember 2009, 09:43
    65 Postings

    Neues unter anderem von Arthur C. Clarke & Frederik Pohl, Charles Stross, Ricardo Pinto, Markus Heitz und Robert Asprin

    Bild 2 von 10
    coverfoto: piper

    Robert Silverberg (Hrsg.): "Legenden. Das Geheimnis von Otherland"

    Broschiert, 461 Seiten, € 10,30, Piper 2009.

    Fans von Tad Williams' "Otherland"-Tetralogie mussten am Ende der monumentalen Saga einen Wermutstropfen hinnehmen: Orlando Gardiner, muskelstrotzender Heroe in den Simwelten des virtuellen Otherland-Netzwerks, doch in Wahrheit ein an Progerie leidender Teenager und Computerspieler (und mithin wohl für viele LeserInnen die zentrale Identifikationsfigur), gehörte zwar zu den Überlebenden der Geschehnisse ... aber eben nicht so ganz. Orlandos Körper in der realen Welt erlag letztlich der Krankheit, doch sein Geist blieb in einer virtuellen Entsprechung von Tolkiens Mittelerde zurück. 2004 schrieb Williams unter dem Titel "The Happiest Dead Boy in the World" einen Nachtrag, den Genre-Veteran Robert Silverberg in seiner "Legends"-Anthologienreihe veröffentlichte. In leicht veränderter Zusammenstellung sind beim Piper-Verlag inzwischen zwei "Legenden"-Bände herausgekommen, dieser hier umfasst neben "Der glücklichste tote Junge der Welt" fünf weitere Novellen aus bekannten Fantasy- bzw SF-Reihen. Zur Orientierung ist jeder Geschichte übrigens ein kurzer Abriss der betreffenden Welt nebst Bibliografie vorangestellt.

    Als der verschämte Halbgott des Systems beschränkt Orlando Gardiner sich nicht darauf heldisch in Elronds Haus herumzusitzen, sondern reist zur Behebung etwaiger Codefehler durch die diversen Virtualitäten, die skrupellose Superreiche einst zum Otherland-Netzwerk verknüpften: Von Oz über das alte Ägypten bis hin zur völlig bizarren Cartoonwelt-Küche ist nahezu alles vorhanden, was Geschichte und Populärkultur jemals hervorgebracht haben. Doch so richtig erfüllen kann Orlando sein Weltenläufertum nicht mehr - noch schlimmer allerdings sind für ihn die beklommenen Begegnungen mit Menschen der Außenwelt: Den Pflichtbesuch bei seinen Eltern würde er am liebsten per Bildschirm absolvieren und sich so in der Illusion wiegen, er führe einfach ein Ferngespräch. Stattdessen schenkt ihm sein Vater einen klobigen Roboter-Körper, in den er sein Bewusstsein downloaden kann, um so in der realen Welt zu agieren - was ihn jedoch viel eher einschränkt als befreit. Und sein alter Onlinegame-Freund Sam, der sich im Verlauf der Tetralogie als das Mädchen Salome entpuppte, wächst allmählich zur Frau heran. Was Sam zur bohrenden Frage führt, ob auch er jemals die Chance haben wird erwachsen zu werden: Vielleicht werde ich mich niemals wirklich verändern. Ich werde wie einer der Sims sein - der Sim eines vierzehnjährigen Jungen. Für alle Zeit. Doch mitten in seine Grübeleien platzt eine Simfrau, die etwas völlig Unmögliches behauptet: nämlich von Orlando schwanger zu sein. Letztlich ist das Otherland also doch nicht ewigem Stillstand verfallen, und das Leben bahnt sich auch hier mit Überraschungen seinen Weg. - "Der glücklichste tote Junge der Welt" ist ein ebenso wehmütiges wie humorvolles Nachwort zu Williams' großer Saga - einfach schön.

    Die Genres Science Fiction und Fantasy auf dieselbe Art zu verknüpfen wie "Otherland", daran war vor 40 Jahren noch nicht zu denken, als die Amerikanerin Anne McCaffrey ihren "Drachenreiter von Pern"-Zyklus zu schreiben begann. Sie wählte einen fernen Planeten als Schauplatz, auf dem menschliche KolonistInnen eine feudale Gesellschaft gründen und sich einer xenobiologischen Bedrohung gegenüber sehen: Tödliche Sporen von einem benachbarten Irrläufer-Planeten verwüsten Pern in unregelmäßigen Abständen. Als symbiotische Kampfgefährten haben sich die Menschen wehrhafte einheimische Reptilien gewählt, die durch Genmanipulation zu intelligenten Drachen herangezüchtet wurden. Auf diesen springen die Drachenreiter durch Raum und Zeit - eine davon ist Moreta, die auf medizinischer Mission Impfstoffe verteilt und völlig erschöpft im interdimensionalen Dazwischen strandet, wo sie einem Standesgenossen aus einem früheren Zeitalter begegnet. Die "Pern"-Saga überspannt mehrere Jahrtausende - die Novelle "Jenseits des Dazwischen" wird zu McCaffreys Version vom "Treffen der Generationen".

    Nach Raum und Virtualität bietet die Zeit schließlich die dritte Strategie für ein Genre-Crossover: So geschehen bei Terry Brooks, dessen High Fantasy-Welt "Shannara" auf den Trümmern der unseren (beinahe der unseren zumindest) errichtet wurde, nachdem diese in einer Apokalypse verging. In den vergangenen Jahren widmete sich Brooks im "Genesis of Shannara"-Zyklus speziell dieser Entstehungsgeschichte, die Novelle "Unbeugsam" allerdings knüpft an die Anfänge an. Vor vielen Jahren beschrieb Brooks, wie das schwarzmagische Buch Ildatch zerstört wurde - nun müssen wir erfahren, dass dabei eine Seite übersehen wurde ... viel besser könnte man den Nachreichungscharakter der Novelle kaum zusammenfassen. Also noch 'ne kurze Queste mit eingebauter Selbstfindung des Helden Jair Ohmsford - für "Shannara"-Fans vielleicht eine nette Ergänzung, ansonsten wenig bemerkenswert. - Ähnliches gilt für die Heldengeschichte "Der Bote", womit Raymond E. Feist seinen umfangreichen "Midkemia"-Zyklus um eine winterliche Episode aus dem Spaltkrieg ergänzt. Bei geänderten Namen könnte diese aus jedem beliebigen anderen Krieg der Fantasy oder der Historie stammen. - Auch ohne Kenntnis der durchaus komplexen "Rhapsody"-Saga von Elizabeth Haydon wirkt hingegen "An der Schwelle", und das vor allem durch seine melancholische Atmosphäre. Eine gewaltige Naturkatastrophe wird die Insel Serendair zerstören; längst wurde sie evakuiert, und Haydon schilderte im Verlauf ihrer sechsteiligen Saga, was aus den Flüchtlingen geworden ist. "An der Schwelle" nun ist kein mühsam angeflanschter Zusatz wie bei Brooks, sondern eine tatsächliche Ergänzung, denn die Geschichte dreht sich um diejenigen, die zurückbleiben mussten: Entweder weil sie das letzte Schiff verpassten oder weil sie - so das kleine Grüppchen der Hauptfiguren - den Befehl erhielten einen Rest an Ordnung aufrechtzuerhalten. Die "Rhapsody"-Historie lässt keinen Zweifel daran, wie das Ende aussehen wird, und dennoch geben die ProtagonistInnen niemals auf: Es ist eine Geschichte über Schicksal, Pflichterfüllung und die niemals sterbende Hoffnung. Als der gebirgshohe Tsunami über Serendair hinwegbrandet, lauten die letzten Worte der Kriegerin Cantha zu einem ihr anvertrauten Jungen: "Halt den Atem an, mein Kind."

    Am leichtesten von allen an der Anthologie Beteiligten hatte es wohl Neil Gaiman - nicht nur, weil er einige der Serien-AutorInnen stilistisch locker in die Tasche steckt, sondern auch weil sein "Universum" noch nicht annähernd so stark ausgebaut ist wie etwa "Midkemia" oder "Shannara". Es ist das von "American Gods", und außer dem gleichnamigen Roman und dessen Nachfolger "Anansi Boys" gibt es noch keine literarischen Vorgaben. In "Der Herr des Tals" ("The Monarch of the Glen") begegnen wir noch einmal Shadow, der Hauptfigur aus "American Gods". Im Roman wurde Shadow in den Kampf zwischen den alten Gottheiten, die die Immigranten nach Amerika mitbrachten, und den ebenso glitzernden wie grauen "Göttern" der Moderne hineingezogen. Nach dem finalen Showdown zog Shadow - mittlerweile gestorben und wiederauferstanden - nach Europa. Nach einigen Wanderjahren ist er nun an der schottischen Küste angekommen, wo er diverse Einheimische kennenlernt, von denen erneut ein erklecklicher Teil nicht-menschlicher Natur sein könnte. Die Geschichte trägt deutliche Züge klassischer britischer Schauerromantik - doch es wäre nicht Gaiman, wenn die Handlung nicht doch wieder auf einen mythologischen Kampf hinausliefe. - Von allen sechs Geschichten ist diese am leichtesten für sich allein zu lesen; wem welcher "Legenden"-Beitrag am meisten zusagt, wird letztlich aber hauptsächlich davon abhängen, von welcher Serie man Fan ist.

    weiter ›
    Share if you care.