Rundschau: Cthulhus weniger bekannte Seiten

    19. Dezember 2009, 09:43
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    Neues unter anderem von Arthur C. Clarke & Frederik Pohl, Charles Stross, Ricardo Pinto, Markus Heitz und Robert Asprin

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    coverfoto: blanvalet

    D. J. MacHale: "Pendragon. Der Anfang"

    Broschiert, 733 Seiten, € 14,40, Blanvalet 2009.

    Zum Abschluss noch etwas für ein jugendliches Publikum: Mit Donald James MacHale hat sich jemand, der hauptberuflich fürs US-amerikanische Fernsehen arbeitet, erstmals aufs literarische Parkett gewagt. Nicht ganz überraschend kommen dabei dann auch vor allem bunte Bilder heraus. Insgesamt umfasst der "Pendragon Adventure"-Zyklus zehn Teile, die innerhalb von nur sieben Jahren geschrieben wurden. Die ersten Bände sind vor ein paar Jahren schon einmal in deutscher Übersetzung bei Heyne erschienen, ehe die Reihe eingestellt wurde. Nun macht Blanvalet einen neuen "Anfang" mit einem Doppelband, der die beiden ersten Romane des Zyklus, "The Merchant of Death" und "The Lost City of Faar", beinhaltet.

    Ich hoffe, du liest dies, Mark - so beginnen der Roman und das Journal, das der 14-jährige Bobby Pendragon seinem besten Freund Mark Dimond schickt und in dem er von zwei unerhörten Begebenheiten zu erzählen weiß: Erstens seinem ersten Kuss und zweitens dass er durch ein Wurmloch auf einen anderen Planeten katapultiert worden ist ... aber erst mal zurück zum Kuss, first things first. Die Prioritätensetzung eines Heranwachsenden hat MacHale also schon mal recht glaubhaft drauf - und die Beschreibung der Szene im Stil einer Sportberichterstattung liest sich übrigens durchaus witzig. Lange genießen konnte Bobby seinen Erfolg allerdings nicht, denn gleich nach seinem epochalen Erstkontakt mit Courtney Chetwynde wird er von seinem Onkel Press (dem schwarzen Schaf der Familie, nicht ganz unbekanntes Motiv) aus seinem New Yorker Vorort regelrecht entführt und in einen Innenstadt-Slum gebracht, wo ein unterirdisches Tor wartet. Flume nennt sich diese Verbindung und bietet ähnlich Clive Barkers "Imajica"-Konzept Zugang zu einem Netzwerk von Welten bzw. Territorien, zu denen auch die Erde zählt (genau genommen lebt Bobby auf der "Zweiten Erde", eine Erklärung dafür wird die "Pendragon"-Reihe später liefern). Und er erfährt, dass er wie sein Onkel ein Reisender ist ... alles so nach und nach, denn Press hat eine Eigenschaft, die alle wissenden Figuren in Abenteuergeschichten kennzeichnet: er lässt sich jedes Fitzelchen Information mühsam aus der Nase ziehen, auch wenn umfassendere Vorbereitung vielleicht ganz praktisch wäre.

    Narnia, Oz, Vandarei, Un Lun Dun oder Phantasien - Parallelwelten, die Jugendliche durch verborgene Tore betreten, gibt es sonder Zahl. Der Vergleich mit der "Unendlichen Geschichte" passt insofern am besten, als auch "Pendragon" auf zwei Ebenen spielt: Bobby lernt das Netzwerk des Halla kennen, während Mark und Courtney daheim seine fantastischen Schilderungen nachlesen, die er ihnen von Zeit zu Zeit durch das Flume schickt (wofür er nebenbei bemerkt ordentliche Zeitreserven aufwenden muss). Die beiden kommen dabei aus dem Staunen gar nicht mehr raus - "Die Post ist da", kommentiert Mark hilflos das Eintreffen einer weiteren Pergamentrolle, zur Passivität verdammt, während sein bester Freund verschollen bleibt. Und nicht nur das: Das Pendragon-Haus ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, Aufzeichnungen über die Existenz der Familie aus allen Archiven getilgt. Die Handlungsebene auf der Zweiten Erde ist damit fast spannender - weil unvorhersehbarer - als Bobbys Abenteuer auf fernen Planeten. Zumindest gilt dies für seine erste Station Denduron, eine nicht rasend originelle mittelalterliche Welt, in der eine Volksgruppe von einer parasitären Ritterklasse ausgebeutet wird. Die Auflösung des Konflikts zeigt übrigens, dass D. J. MacHale unter der Dusche nicht unbedingt die Internationale singen dürfte. Denn wie alle Halla-Welten steht auch Denduron gerade an einem Wendepunkt - im konkreten Fall geht es darum, dass die unterjochten Milago einen natürlich vorkommenden Sprengstoff (den sie selbst unter hohem Blutzoll abbauen) im lange überfälligen Aufstand einsetzen wollen, damit aber die weitere Entwicklung ihrer ganzen Welt aus dem Gleichgewicht bringen würden. Diese einfachen Menschen sind halt nicht reif über ihre eigenen Ressourcen zu verfügen, befindet Bobby wie ein altkluges Kolonialherrenkind - ein kleiner Misston in der Geschichte, den man nicht überbewerten, aber auch nicht ganz vergessen sollte.

    Insgesamt ist Bobby aber ein ausgesprochen sympathischer "Held". Während die weiblichen Figuren, Courtney und die ebenfalls jugendliche Reisende Loor, ganz PC-mäßig als verwegene Kämpferinnen geschildert werden, landet Bobby mehr als einmal auf dem Hintern, würde zeitweise am liebsten einfach nach Hause zurück (man kann's ihm nicht verdenken) und sieht als eine seiner schlimmsten Herausforderungen an, dass auf einigen Halla-Welten das Phänomen Unterwäsche völlig unbekannt ist. - Der zweite Teil des Buchs, im Original ein eigenständiger Roman ("The Lost City of Faar"), wird Bobby dann auf eine Wasserwelt führen. Piraten, Tauch-Abenteuer, versunkene Städte und die Gefahr der Gen-Manipulation bestimmen hier das Geschehen und weisen den Weg, wie es mit der Serie weitergehen wird: Bobby wird in den folgenden Teilen durch unterschiedlichste Welten (darunter auch ein Chicago à la 1930 oder eine Welt tödlicher Spiele) sliden, und die Rahmenhandlung von der Gefährdung ganz Hallas durch einen diabolischen Widersacher wird sich immer weiter verdichten. Das "Pendragon Adventure" lässt sich durchaus als Konzept für eine TV-Serie denken.

    Das war's für heuer. Die nächste Rundschau aller Zeiten wird sich unter anderem dem Thema Religion widmen, dabei aber dem Monotheismus eine lange Nase drehen. Eine Rüssel-lange, um genau zu sein. (Josefson)

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