Verkehrspsychologischer Check im Test

26. November 2009, 17:09
53 Postings

Ab 1,6 Promille ist der Führerschein für 6 Monate weg und die verkehrspsychologische Untersuchung fix. Durchwurschteln kann man sich bei dieser nicht - derStandard.at hat es getestet

Der Mensch als Mosaik aus Reizen: Gelb leuchtet auf, also muss Gelb weggedrückt werden. Dann ein flinker Fußkontakt mit dem linken Pedal, daraufhin ertönt ein lautes tiefes Signal: Der schwarze Knopf in der Mitte ist der richtige, weg ist der Ton. So geht es abwechslungsreich weiter, der Testbildschirm zeigt Farben, lässt akustische Signale erklingen und Pedale aufleuchten, auf die allesamt reagiert werden muss. Vier Minuten dauert die Übung, das ist anstrengend. Die Bilanz dafür: 88 Prozent. Bei 19 Fehlern und zehn ausgelassenen Reizen. 

Schlechtesten-Auslese

Der Determinationstest misst die reaktive Belastbarkeit im Verkehr und ist der aussagekräftigste Test bei der verkehrspsychologischen Untersuchung. Streng wird nicht bewertet. "Das war überdurchschnittlich gut, wir haben aber eine Schlechtesten-Auslese : 16 Prozent ist das Minimum für ein positives Abschneiden. Der 70-Jährige rüstige Großvater schafft es auch, die Vorgabegeschwindigkeit passt sich an das Leistungsniveau an", sagt Bettina Schützhofer, Verkehrspsychologin bei "sicher unterwegs". 

Die gesamte Untersuchung gliedert sich in einen Leistungs-, einen Persönlichkeitstest und ein Explorationsgespräch. Dauer des Procedere: Normalerweise etwa zwei Stunden. Einem Lienzer dürfte es im Vorjahr schlimmer ergangen sein. Er beklagte sich nach mehr als fünf Stunden intensiven verkehrspsychologischen Screenings laut "Tiroler Tageszeitung" bei der Volksanwaltschaft weil er nicht glauben konnte, dass ein derartiger Test dermaßen lang, ermüdend und belastend sein darf. Schützhofer: "Ein Einzelfall. Die Aufgaben sind standardisiert, mit Pausen kann es vielleicht auch drei Stunden dauern, die Untersuchung ist aber wirklich zu schaffen. Man muss das ganze ja nicht nach einem schweren Arbeitstag absolvieren." 

Bereit zum Risiko

Mehr als 50 Prozent aller Teilnehmer an verkehrspsychologischen Untersuchungen sind Alko-Lenker. Dann gibt es noch die drogenauffälligen Autofahrer, sie sind vor allem in Wien ein Thema wo es einige tausend Substitutionspatienten gibt. Menschen, die im Verkehr riskant überholen, einen Bus lenken wollen oder sehr viele Radar-oder Parkstrafen erhalten, müssen auch zur Untersuchung. Ebenso: Führerscheinprüflinge, die viermal den praktischen oder fünfmal den theoretischen Teil nicht bestehen.

Die Eingangsprüfung ist ein Risikobereitschaftstest, eine Verkehrssequenz wird simuliert. Am Bildschirm ist ein Zebrastreifen zu sehen, ein Fußgänger nähert sich aus einigen Schritten Entfernung. Die Füße an den Pedalen, gilt es zu dem Zeitpunkt zu drücken, ab dem der Schutzweg nicht mehr überfahren werden soll. Geht es sich noch aus weiterzufahren? Eher nicht. Das Ganze lässt sich auch beim Abbiegen und beim Überholen herausfinden. 

Wahrnehmungsgrenzen

Ziel eines jeden Klienten muss sein, eine günstige Verkehrsverhaltensprognose zu erhalten. Zum Autofahren kann man demnach geeignet, bedingt oder nicht geeignet sein. Das Gutachten wird in Zusammenarbeit mit dem Amtsarzt erstellt, die Möglichkeit eine Beurteilung mit "bedingt geeignet" abschließen zu können, findet Schützhofer besonders sinnvoll: "Die Frage ist, ob sich das Alkoholkonsum-Verhalten ändert. Steht der Klient etwa leichter auf, hat er ein besseres Beziehungsleben oder nehmen die Freizeitaktivitäten zu, klingt das plausibel. Er muss das aber über einen längeren Zeitraum beweisen. Schöne Leberwerte beim Amtsarzt am Tag X reichen nicht. Einmal im Quartal müssen die Laborwerte einen positiven Trend bestätigen."

Wo werden die Wahrnehmungsgrenzen berührt? Der Testcomputer zeigt eine Verkehrssituation, nach jedem Bild soll angeben werden, was darauf zu sehen war. Fußgänger, Auto, Verkehrsschild etc. Die Bilder wechseln flott, Nummer zwei und drei haben sicher ein Auto und ein Verkehrszeichen gezeigt. Oh nein, die Ampel wurde vergessen! Der Verkehrsauffassungstest ist eine echte Prüfung für das Ultrakurzeitgedächtnis. 

Kein Durchschwindeln

Abschließend gibt es das Explorationsgespräch. Persönliche Details, soziales Umfeld, die Verkehrsvorgeschichte, ein etwaiger emotioneller Zugang zum Autofahren, das alles wird im Zwiegespräch eruiert. "Durschwindeln funktioniere eher nicht", beschönigende Tendenzen werden recht schnell erkannt. Bettina Schützhofer: "Die alkoholtypische Problemverleugnungshaltung lässt sich mit den Leistungs- und Leberwerten überprüfen. Jemand der eine Fahne als einmaligen Ausrutscher tituliert, schafft es nicht mehr sich mit 1,6 Promille hinters Steuer zu setzen. Setzt man Alkoholmenge und -spiegel mit dem Körpergewicht in Beziehung, ergibt das ein eindeutiges Bild."

Viele Untersuchten schmerzt nicht nur der Verlust des Führerscheins und der Gang zum Verkehrspsychologen, sondern auch das Börsel. 363 Euro Testgebühr sind für die am Weg zur Läuterung befindlichen Alko-Lenker jedenfalls mehr Peanuts, verglichen mit den 1.600 bis 5.900 Euro, die im neuen Strafrahmen allein für das Delikt fällig sind. Manche sind auch ehrlich, Schützhofer erinnert sich an die Aussage eines Klienten, der mit 1,6 Promille normal sprechen und fahren konnte: "Na hearn's, des muss ma scho trainieren." (Florian Vetter, derStandard.at, 26.11.2009)

  • Die Steuerungstastatur: Für die Leistungstests sind keine Computerkenntnisse erforderlich.
    foto: florian vetter

    Die Steuerungstastatur: Für die Leistungstests sind keine Computerkenntnisse erforderlich.

  • Hochtechnologie einstweilen noch im Forschungsstadium: Tests zur peripheren Wahrnehmung und Sensomotorik werden mittels Messbalken in Augenhöhe vorgenommen.
    foto: florian vetter

    Hochtechnologie einstweilen noch im Forschungsstadium: Tests zur peripheren Wahrnehmung und Sensomotorik werden mittels Messbalken in Augenhöhe vorgenommen.

  • Für ein erfolgreiches Absolvieren der Computersimulationen muss nicht nur in die Tasten gehauen sondern auch in die Pedale getreten werden.
    foto: florian vetter

    Für ein erfolgreiches Absolvieren der Computersimulationen muss nicht nur in die Tasten gehauen sondern auch in die Pedale getreten werden.

Share if you care.