Warum nicht 0,0 Promille?

25. November 2009, 17:06
345 Postings

Die Richtlinie "wer fährt, trinkt nicht; wer trinkt, fährt nicht" soll sich im kollektiven Bewusstsein verankern. Drei Experten diskutieren für und wider eine 0,0- beziehungsweise 0,1-Promillegrenze

"Das größte Problem an einer 0,0-Promillegrenze sehe ich darin, dass man von den Möglichkeiten der Messtechnik her einen bestimmten Grenzbereich zulassen muss", weiß Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton Proksch-Institutes - die größte, auch als "Kalksburg" bekannte Suchtklinik Europas. "Bei einem Bier ist mir klar, dass ich Alkohol konsumiert habe, beim Genuss eines Fruchtsalates in einem Restaurant, oder bei verkochtem Alkohol in Speisen ist mir das nicht unbedingt bewusst."
Auch Peter Felber, Leiter der Landesstelle Steiermark des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV), bestätigt, dass eine 0,0 Promillegrenze aufgrund bestimmter physischer Prozesse unrealistisch sei: "Wenn von einer 0,0 Promillegrenze gesprochen wird, handelt es sich eigentlich um 0,1 Promille."

Unfallrisiko

"Die derzeit in Österreich gültigen Promillegrenzen sind das Ergebnis einer internationalen Angleichung", berichtet Felber vom KfV. 0,1 Promille sind für Lkw und Busfahrer, Mopedlenker bis 20 Jahre sowie Probeführerscheinbesitzer der oberste Grenzwert. Für alle anderen Fahrzeuglenker beläuft sich dieser auf 0,5 Promille.
Das KfV hält die Promillegrenzen für ausreichend, betont aber: "Nichtsdestotrotz stehen wir natürlich auf dem Standpunkt: Wer trinkt, fährt nicht; wer fährt, trinkt nicht."

"Bei einem Alkoholgehalt von 0,5 Promille verdoppelt sich das Unfallrisiko", weiß der Leiter des Bereiches Verkehrspolitik beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ), Martin Blum, weshalb er sich für die generelle Einführung von 0,1 Promille ausspricht: "Das wäre eine pragmatische Lösung, ohne Herantasten oder Herantrinken an eine Grenze."

Statistisch nicht erfasste Alkolenker

Bei einer Senkung der Promillegrenze auf 0,1, verbunden mit entsprechender Überwachung und strengeren Strafen, wäre ein Rückgang der Verkehrstoten um 27 Prozent gegeben. Blum: "Dazu kommt noch die Dunkelziffer der durch Alkohol am Steuer ums Leben gekommenen Lenker, die statistisch nicht erfasst werden, wenn keine anderen Personen zu Schaden kommen." Diese liege bei 30 Prozent der tödlichen Unfälle insgesamt und entspreche beinahe 200 Verkehrstoten im Jahr.

Sechs Jahre lang 0,1 Promille

Eines der wichtigsten Ziele des VCÖ ist die Ausweitung der 0,1 Promillegrenze im Rahmen des Probeführerscheines, da die Hauptrisikogruppe der Unfalllenker zwischen 18 und 24 Jahre alt ist. "Die Promillegrenze bereits mit 20 Jahren - also zwei Jahre nachdem üblicherweise der Führerschein gemacht wird - auf 0,5 zu setzen, halte ich für viel zu früh", sieht Blum die Notwendigkeit für insgesamt sechs Jahre 0,1 Promille. Innerhalb dieser längeren Zeitspanne könne jeder die Gewohnheit entwickeln: "Wenn ich fahre, trinke ich nicht. Das würde enorm viel für die Verkehrssicherheit bringen."

"Man kann dem eigenen Gefühl nicht trauen"

Für Michael Musalek ist die 0,5 Promillegrenze "grundsätzlich zufriedenstellend: Man benötigt eine durchschnittliche Mengenangabe von Alkohol im Blut, die vom Großteil der Bevölkerung akzeptiert wird. Ich denke, das ist mit 0,5 Promille gegeben."
Der Suchtspezialist hält die Botschaft, im Rahmen des Probeführerscheins beim Fahren gänzlich auf Alkohol zu verzichten, für "durchaus die Richtige", denn die Reaktionszeit der Lenker sei schon bei minimalen Werten beeinträchtigt: "Es gilt zwei Arten der Beeinträchtigung zu unterscheiden: die kognitive Beeinträchtigung und die Beeinträchtigung der Reaktionszeit."
Wo erstere die Fähigkeit zur Konzentration sowie die Denkfähigkeit umfasse und individuell sehr unterschiedlich sei, "ist die Reaktionszeit bei allen Lenkern gleichermaßen beeinträchtigt. Und gerade weil man nicht kognitiv beeinträchtigt ist, bemerkt man nichts davon. Das heißt, man kann dem eigenen Gefühl nicht trauen."

Kontroll-Equipement

Inwieweit ist die Kontrolle der Promillegrenzen angesichts der Personaleinsparungen in der Exekutive überhaupt durchführbar? Dazu Peter Felber vom KfV: "Jedes Gesetz ist kontrollierbar, auch mit den derzeitigen Personalkapazitäten."
Ein Problem sieht Felber im Umstand, dass man seit Einführung der derzeitigen Promillegrenzen kaum Gefahr gelaufen sei, in eine Alkoholkontrolle zu geraten. Das habe sich durch den Einsatz der Vortestgeräte massiv verbessert - "in kürzerer Zeit werden mehr Personen kontrolliert" - sei aber immer noch ausbaufähig.

Eine vorstellbare technische Lösung wären auch sogenannte Alkohol-Interlocks in Fahrzeugen. Interlocks ermöglichen das Starten eines Fahrzeuges nur dann, wenn vorher der Alkohol im Atem gemessen wurde. Felber: "In den USA werden diese Geräte bereits als Rehabilitationsmaßnahme bei Lenkern eingesetzt, die alkoholisiert am Steuer erwischt wurden." Das (KfV) und Verkehrsministerin Doris Bures haben sich für ein Modellversuch ausgesprochen.

Schlüssel für Strafmandate

Seit der Einführung der Vorkontrollgeräte sei die Dichte der Alkoholkontrollen deutlich gestiegen, weiß auch Blum vom VCÖ. Einen Schwachpunkt sieht er jedoch in der Tatsache, dass "in Österreich die Einnahmen aus den Verkehrsstrafen nicht der Exekutive zugeführt und damit nicht in die Verkehrssicherheit investiert werden. Es wäre an der Zeit, das zu ändern."
Ein höherer Schlüssel der Strafmandate solle der Exekutive zugute kommen und für die Sicherheit im Straßenverkehr eingesetzt werden.

Alkohol im Blut

Im Kuratorium für Verkehrssicherheit hat man "nicht den Eindruck, dass Alkohol am Steuer noch als Kavaliersdelikt angesehen wird." Trotzdem müsse man das immer wieder thematisieren. Vor allem im Rahmen der Mehrphasenausbildung von Fahranfängern werde Alkohol am Steuer stärker behandelt als früher. Felber: "Es gibt viele und vor allem kontinuierliche bewusstseinsbildende Aktionen für Jugendliche - nicht zuletzt auch durch das Kuratorium." So wachse eine Generation von Autofahrern heran, für die es etwa selbstverständlich sei, dass einer aus der Runde nüchtern bleibt und die anderen nach Hause fährt.
Darüber hinaus soll das neu eingeführte Verkehrscoaching dazu beitragen, bereits bei Delikten zwischen 0,5 und 0,8 Promille die Notbremse zu ziehen und straffällig gewordene Lenker dafür zu sensibilisieren, dass die Alkofahrt wesentlich fataler als mit einem Verkehrscoaching hätte enden können.
Felber: "Nichtsdestotrotz wird es immer Unbelehrbare geben, die der Meinung sind, dass sie auch mit Alkohol im Blut ihr Fahrzeug komplett unter Kontrolle haben."

Österreich und der Alkohol

Das Bewusstsein über die Gefahr von Alkohol am Steuer sieht Verkehrsexperte Blum "in Österreich noch zu wenig ausgeprägt." Höhere Strafen und dichte Kontrollen - speziell auch in Weingebieten - sowie ein niedrigeres Alkohollimit könnten dieses Bewusstsein stärken. "Dennoch ist in der Bevölkerung die Bereitschaft für den Verzicht auf Alkohol am Steuer größer, als manche Politiker denken" - nach einer aktuellen IFES-Studie sprechen sich 44 Prozent für ein absolutes Alkoholverbot aus. Blum weist diesbezüglich auch auf die erfolgreiche Umsetzung niedrigerer Alkohollimits und höherer Strafen in anderen Ländern hin.

Angesichts der grundsätzlichen Einigkeit der Experten, am Besten gänzlich auf Alkohol am Steuer zu verzichten, stellt sich die Frage: Was spricht in Österreich gegen eine 0,1 Promillegrenze? Blum: "In Österreich haben Interessensgruppen, wie zum Beispiel die Wirte, maßgeblichen Einfluss darauf, dass die Grenzwerte nicht verschärft werden." (derStandard.at, Eva Tinsobin, 25. 11. 2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    44 Prozent sprechen sich für ein absolutes Alkoholverbot aus.

  • Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton Proksch-Institutes.
    foto: michael musalek

    Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton Proksch-Institutes.

  • Peter Felber, Leiter der Landesstelle Steiermark des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV).
    foto: peter felber/kfv

    Peter Felber, Leiter der Landesstelle Steiermark des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV).

  • Martin Blum, Leiter des Bereiches Verkehrspolitik beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ).
    foto: martin blum/vcö

    Martin Blum, Leiter des Bereiches Verkehrspolitik beim Verkehrsclub Österreich (VCÖ).

Share if you care.