"Das Wort 'Kinderpunsch' streichen"

18. November 2009, 18:58
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Peter Goldgruber, Leiter der Sicherheits- und Verkehrspolizeilichen Abteilung Wien, über das "Planquadrat" in der Adventzeit

Über die "verdachtsfreie" Kontrolle, Kinderpunsch als cooles Getränk mit uncoolem Namen, oder die Meisterleistung des Polizisten, unbedachte Äußerungen nicht persönlich zu nehmen, berichtet ein Profi in Sachen Schwerpunktkontrolle.

derStandard.at: Sind im Advent mehr Alkoholisierte unterwegs, oder finden mehr Kontrollen statt, was zu einer höheren Quote und zu verstärkter medialer Berichterstattung führt?

Peter Goldgruber: In der Weihnachtszeit haben wir ein noch schärferes Auge auf Alkohol im Straßenverkehr als sonst. Das Verhältnis der kontrollierten zu den alkoholisierten Lenkern ist in den letzten Jahren geringfügig niedriger als sonst. Ein positiver Effekt, der auch der medialen Berichterstattung zu verdanken ist: Wer damit rechnen muss, kontrolliert zu werden, traut sich weniger, alkoholisiert fahren.

derStandard.at: Reicht Bewusstseinsbildung nicht aus? Brauchen wir immer Sanktionen, um uns selbst und andere nicht zu schädigen?

Goldgruber: Beides ist notwendig. In Wien ist die Bewusstseinsbildung relativ hoch, die Zahlen über die betrunkenen Unfallverursacher liegen hier unter dem Österreichschnitt. Aber Strafen wirken generalpräventiv: "Ich bin erwischt worden, es hat viel gekostet und ich musste zur verkehrspsychologischen Nachschulung." Wenn ich draufkomme, dass ich so etwas nicht mehr erleben möchte, haben die Sanktionen Sinn gemacht.

derStandard.at: Wo wird in der Vorweihnachtszeit kontrolliert?

Goldgruber: Das halten wir flexibel. Wir beobachten, welche Weihnachtsmärkte gut besucht sind, wo es besonders lustig zugeht und wo die Autos im Umfeld parken. In Wien wird es jeden Tag an einem Ort eine Schwerpunktaktion geben und es wird Tage mit vielen Schwerpunktaktionen geben.

derStandard.at: Ihre Empfehlungen für Punsch- und Glühweintrinker?

Goldgruber: Speziell in der Vorweihnachtszeit ist der Zugang zu Alkohol noch einfacher als sonst. Damit einher geht ein erhöhtes Risiko, dass man bei süßen Mischgetränken, wie Punsch oder Glühwein, den Alkoholgehalt nicht einschätzen kann. 

Ich empfehle, sich niemals an die größtmögliche Menge "heranzutrinken", sondern konsequent zu sagen: "Ich trinke etwas, oder ich trinke nichts." Und wenn ich der Fahrer bin, trinke ich alkoholfreien Punsch.

Es würde mir übrigens gut gefallen, wenn die Gewerbetreibenden das Wort "Kinderpunsch" streichen würden. Es ist furchtbar uncool, als Erwachsener Kinderpunsch zu trinken. Vor allem wenn man in Gesellschaft anderer ist, die dann gewisse Ausdrücke dafür finden. Damit man das aushält, muss man schon hart im Nehmen und ein beständiger Mensch sein.

derStandard.at: Wie laufen die Kontrollen ab?

Goldgruber: Vor allem in der Adventszeit führen wir viele Kontrollen durch, bei denen wir ein bestimmtes Gebiet absperren und alle Fahrzeuglenker testen. Bei der sogenannten "verdachtsfreien Kontrolle" braucht es keine Symptome oder Auffälligkeiten der Lenker. 

Da das Vortestgerät mittlerweile Standardausrüstung in jedem Streifenauto ist und der Test nur 20 Sekunden dauert, wird viel dichter kontrolliert. Deshalb gibt es mehr Anzeigen im niederschwelligen Bereich. Von 0,5 bis 0,8 Promille erkennt man bei den wenigsten Lenkern Auffälligkeiten, aber beim Vortest rutschen sie nicht durch.

derStandard.at: Kontrollieren Sie auch Radfahrer?

Goldgruber: Ich empfehle niemandem, auf das Fahrrad umzusteigen, wenn er einen Punschstand besuchen möchte. Wir kontrollieren alle, die mit einem Fahrzeug unterwegs sind. Alkoholisierte Lenker am Fahrrad, Moped oder Mopedauto werden genauso streng bestraft wie Pkw-Lenker.

derStandard.at: Was passiert, wenn ich keinen Alkotest machen will?

Goldgruber: Wer glaubt, den Test verweigern zu können, der irrt sich, denn er ist dazu verpflichtet. Im Fall einer Weigerung wird der Lenker so behandelt, als ob er 1,6 Promille hätte. Das bedeutet 1.600 Euro Mindeststrafe und Führerscheinentzug im höchsten Ausmaß. Verweigern ist also überhaupt nicht empfehlenswert.

derStandard.at: Wie sind die Reaktionen der Lenker, die in ein "Planquadrat" kommen?

Goldgruber: Im Großen und Ganzen verständnisvoll. Die Leute sagen: "Gut, dass ihr kontrolliert". Sie sind daran interessiert, voranzukommen und nicht von jemandem abgeschossen zu werden, der sein Fahrzeug nicht unter Kontrolle hat. 

Es gibt natürlich auch Stimmen, die sagen: "Geht's lieber Verbrecher fangen."  Wenn jemand vorschnell Dinge äußert, die er sich nicht überlegt hat, halten wir das aus. Nur weil jemand heiße Luft verbreitet, muss man sich nicht gleich daran erwärmen. Wenn er sich sonst ordentlich benimmt, hat das keine Folgen.

derStandard.at: Nimmt man solche "vorschnellen Äußerungen" persönlich?

Goldgruber: Es ist die Meisterleistung des Polizisten, unbedachte Äußerungen nicht persönlich zu nehmen. Die Verkehrskontrolle ist ja vielleicht nur ein letzter Punkt in einer Reihe von Unglückseligkeiten, die diesem Menschen den ganzen Tag über widerfahren sind. Deshalb trainieren wir ein gewisses Verständnis. Viele entschuldigen sich, wenn man ihr Verhalten spiegelt: "Wissen Sie eh, was Sie da gerade gesagt haben?"

derStandard.at: Zeigen sich Lenker reuig, wenn sie alkoholisiert am Steuer erwischt werden?

Goldgruber: Die meisten genieren sich, zahlen die Geldstrafe und sind froh, wenn die Sache aus der Welt ist. Deshalb gibt es auch kaum Berufungen an den Unabhängigen Verwaltungssenat. 

Für viele Lenker ist eine Anzeige wegen Alkohol am Steuer Existenz bedrohend, aber es ist sinnlos, einen Polizisten anzujammern und ihm die ganze Lebensgeschichte zu erzählen. Für ihn gibt es keine Möglichkeit, nicht einzuschreiten. Das wäre Amtsmissbrauch, was fünf Jahre Haft und Jobverlust bedeutet.

derStandard.at: Sind die Österreicher diszipliniert, was den Alkoholkonsum betrifft?

Goldgruber: Man kann durchaus "Ja" sagen. Die meisten Alkolenker sind knapp über der erlaubten Promillegrenze unterwegs. Etwa vier Prozent der Gesamtverursacher von schweren Unfällen sind von Alkohol beeinträchtigt.

Im ländlichen Bereich ist Alkoholkonsum am Steuer häufiger als in der Stadt. Vor allem, weil es die Infrastruktur nicht gibt und das Auto einen höheren Stellenwert hat.

Im privaten Bereich sehe ich, dass sich Jugendliche immer besser organisieren. Sie nehmen Shuttledienste in Anspruch oder sprechen sich vor dem Fortgehen ab, wer nüchtern bleibt und fährt. In meiner Jugend habe ich das noch nicht so erlebt.

derStandard.at: Ist Alkohol am Steuer immer noch ein Kavaliersdelikt?

Goldgruber: Die soziale Kontrolle funktioniert ein Stück besser, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Wer heute wegen Alkohol am Steuer erwischt wird, ist ganz sicher kein Held in seinem Bekannten- und Kollegenkreis. Nicht weil er sich erwischen lassen hat, sondern weil er überhaupt gefahren ist. Vorwürfe und Beschimpfungen sind vorprogrammiert. Es ist das Schändliche, das überbleibt.

derStandard.at: Ihre Strategien für Alkoholkontrollen?

Goldgruber: Früher hieß es: "Haltet die Kontrollen geheim, damit möglichst viele erwischt werden." Heute verfolge ich eine andere Philosophie. Wir informieren über die Kontrollen und auch über die Zahl der Führerscheine, die wir abnehmen mussten. Anhand der Kontrolldichtezahlen lässt sich nachweisen, dass wir mehr kontrollieren als früher. Nachdem wir trotzdem weniger Alko-Lenker erwischen, erfüllt das Reden über die Kontrollen seinen Sinn. Deshalb spreche ich auch heute mit Ihnen darüber.  (derStandard.at, Eva Tinsobin, 18. 11. 2009)

  • Peter Goldgruber führte als Polizist 14 Jahre lang Verkehrs- und Alkoholkontrollen durch. Auch heute kümmert er sich als Einsatzleiter um die ordnungsgemäße Abwicklung von Schwerpunktkontrollen.
    foto: eva tinsobin

    Peter Goldgruber führte als Polizist 14 Jahre lang Verkehrs- und Alkoholkontrollen durch. Auch heute kümmert er sich als Einsatzleiter um die ordnungsgemäße Abwicklung von Schwerpunktkontrollen.

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    "Es würde mir gut gefallen, wenn die Gewerbetreibenden das Wort 'Kinderpunsch' streichen würden."

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