Eine Botschaft an Putin und ihre Folgen

9. November 2009, 19:30
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Milizionär Alexej Dymowski prangert per Video Korruption an.

Alexej Dymowski ist müde. Müde von den Überstunden, den Vorgesetzten, der Korruption und davon, dass ihm immer die Frauen davonlaufen. "Ich bin einfach zu müde, um das weiter zu ertragen", sagte der 32-jährige Polizist in einer im Internet verbreiteten Videobotschaft, die an den russischen Regierungschef Wladimir Putin adressiert war.

Zehn Jahre seines Lebens habe er für sein Heimatland gegeben, sagt Dymowski, der in Blagoweschtschensk in Russisch-Fernost geboren wurde und nach dem Besuch des Technikums für Eisenbahner 2000 in den Polizeidienst eintrat.

Inzwischen ist Dymowski Major der Drogenfahndung in Noworossijsk am Schwarzen Meer und verdient 14.000 Rubel (rund 325 Euro) im Monat. Gearbeitet wird jeden Tag, auch am Wochenende. Ein derartiger Dienstplan ist nicht gerade familienfreundlich. Zwei Frauen haben ihn deswegen schon verlassen, sagt der blasse Polizist langsam und stockend. Die dritte, die noch dazu im sechsten Monat schwanger ist, will er nicht auch noch verlieren.

Deswegen wagt Dymowski, der in seiner Milizionärsuniform vor der Kamera sitzt, den Angriff nach vorn. In zwei Videos, die seit dem Wochenende mehr als 400.000 Internetzugriffe verzeichneten, beschreibt er die tagtägliche Korruption in Noworossijsk. Polizisten würden unter Druck gesetzt und von ihren Vorgesetzten "wie Vieh behandelt", damit sie Unschuldige verhaften, die sich dann freikaufen müssen.

Eine ärztliche Behandlung wegen seines taub werdenden linken Armes wurde Dymowski untersagt, weil er zu wenig "aufgeklärte" Fälle aufweisen konnte. Beschwerden über Korruption wurden von seinem Vorgesetzten mit einem Schulterzucken abgetan. Das sei eben die Mentalität der Region, bekam der Polizist zur Antwort.

Als letzten Ausweg sah Dymowski daher, den starken Mann Russlands über die Zustände im Land zu informieren. Die Videobotschaft war nicht der erste Versuch des Majors, Putin auf seine Situation aufmerksam zu machen. 2007 hatte Dymowski bei der Fernsehshow Der direkte Draht zu Putin angerufen und die Frage "Wann wird die Polizeiwillkür in Noworossijsk enden?" gestellt. Zum damaligen Präsidenten durchgestellt wurde er allerdings nicht.

Auch diesmal bleibt eine Antwort Putins aus. Stattdessen reagierte das Polizeipräsidium prompt mit der Entlassung des kritischen Majors wegen Verleumdung. Im Internet wurde Dymowski hingegen zum Helden mit einer rasch wachsenden Fangemeinde. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2009)

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