Auf Stelzen durch Venedig gondeln

9. November 2009, 16:28
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Ob Wien am geplanten Hauptbahnhof künftig Venedig werden soll, ist aber noch keineswegs gesagt

Pfahlbauten scheinen für die Lagunenstadt auch verkehrstechnisch eine gute Lösung zu sein. Ob Wien am geplanten Hauptbahnhof künftig Venedig werden soll, ist aber noch keineswegs gesagt.


Nach Venedig fahren und eine Konstruktion auf Stelzen einmal ganz genau anschauen, das geht jetzt. Recht rezent ist sie halt, und sie steht zur Gänze über dem Wasserspiegel. Ein erfahrener Gondelbauer hat sie errichtet, der bereits seit zehn Jahren etwas Neues probiert: Cable-Liner über urbanem Gebiet schweben zu lassen.

Warum bei der Errichtung dieser Standseilbahn über die Lagune ausgerechnet der Vorarlberger Hersteller Doppelmayr zum Zug kam, erklärt man vonseiten des Unternehmens so: Die Aufstellung der Stahlleitschienen könne wesentlich flexibler gestaltet werden als bei anderen Systemen, die Konstruktion komme mit sehr wenigen Stützen aus. Wertvoll sei das eben dann, wenn es historische Gebäude zu passieren gelte, ohne ein Stadtbild allzu massiv zu verändern. Dass eine U-Bahn für Venedig gar nicht erst infrage kommt, versteht sich von selbst, allerdings sei die kürzere Bauzeit über der Erde immer von Vorteil, wenn Lücken im öffentlichen Nahverkehr rasch geschlossen werden müssen.

Eine solche Lücke klafft zurzeit noch zwischen der künstlichen Insel Tronchetto außerhalb der Altstadt und der Piazzale Roma an deren Eingang. Eine gigantische Park-and-ride-Anlage wird gerade auf der Insel errichtet – bloß zum "Reiten" gibt es bislang nichts. Für den Regelbetrieb zur Verfügung stehen wird der Shuttlezug nämlich erst ab März 2010. In Venedig neu zu bauen, bedeutet immer auf Überraschungen wie potenziell archäologische Bestände zu stoßen. Auch eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg wurde bei den Bauarbeiten entdeckt – ein noch explosiveres Argument gegen die geplante Eröffnung im Jahr 2008.

Personenbeweger ohne Fahrer

830 Meter lang ist die bereits gut erkennbare Trasse der Standseilbahn, eine Zwischenstation am großen Fährhafen wird sie bedienen. So wie die meisten Cable-Liner mit vergleichbarer Funktion ist auch jener in Venedig ein Automated Person Mover (APM), also ein Fahrzeug ohne Fahrer. Zwei Züge mit je vier Wagen werden hier verkehren und für die Gesamtstrecke nur etwas mehr als drei Minuten benötigen. Das entspricht einer Systemkapazität von 3000 Personen, die pro Stunde und Richtung befördert werden können. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick enorm. Nur zum Vergleich: Auf einer bereits früher von Doppelmayr errichten Anlage für den Flughafen im kanadischen Toronto werden nur etwas mehr als 2000 Personen pro Stunde befördert. Ein venezianischer Parkplatz konkurriert hier also vom Verkehrsaufkommen mit einem internationalen Flughafen!

Die Doppelmayr-Variante als Flughafenzubringer, wie sie auch bereits in Birmingham und Mexiko-Stadt realisiert wurde und für Qatar geplant ist, hat sich mittlerweile sogar als Global Player positioniert. So sieht es jedenfalls das renommierte Beratungsunternehmen für fahrerlose Systeme, APM Consulting, welches die Marktführerrolle von Bombardier in diesem Segment nun nicht mehr als unantastbar beschreibt. Vor allem die Zuverlässigkeit der Doppelmayr-Systeme – im Fall von Toronto sind das 99,91 Prozent Einsatzfähigkeit – wird hervorgehoben.

Von Bahnhöfen, die in Zukunft per hauseigenen Cable-Liner angesteuert werden, scheint man bei Doppelmayr hingegen nichts zu wissen. So zeigte sich Unternehmenssprecher Ekkehard Assmann im Gespräch mit dem Standard erstaunt über Presseberichte der letzten Tage, die sogar konkrete Kapazitäten eines Systems für den geplanten Wiener Zentralbahnhof nannten: "Wir wissen ja noch nicht einmal, wo wir bauen sollten – aber machbar ist es, das stimmt."

Keine Meterware

Die Kosten für "einen Meter Cable-Liner" zu nennen sei zudem völlig unseriös. So werde das System in Venedig mehr als 16 Millionen Euro kosten, aber eine noch davor – im Dezember 2009 – eröffnete kürzere Bahn von Doppelmayr in Las Vegas, umgerechnet rund 43 Millionen Euro. Von der guten Umweltverträglichkeit eines Cable-Liners am Wiener Hauptbahnhof war in aktuellen Presseberichten zudem die Rede. "Von der gehen wir zwar aus" , meint dazu Assmann, "aber belegen können wir sie noch nicht" . Erstellt wurde nämlich bislang von ClimatePartner nur eine Studie über den (zu PKW, Bus und Bahn) vergleichsweise niedrigen CO2-Ausstoß der Kabinenseilbahn.

Sollte mit einer Standseilbahn am Hauptbahnhof tatsächlich nur die Distanz bis zur U-Bahn am Südtiroler Platz zu überbrücken sein, wäre das mit rund 300 Metern jedenfalls der kürzeste Cable-Liner von Doppelmayr. In Sachen Umweltverträglichkeit müsste er dann wohl eher gegen Lösungen wie ein Personenlaufband konkurrieren. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2009)

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