Böse schwule Designer

9. November 2009, 16:01
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Sind Schwule schuld am Magerwahn? Was Stephan Hilpold dazu zu sagen hat

In einem Interview mit der "Neuen Osnabrückner Zeitung" stellte die deutsche Designerin Anja Gockel vor einigen Tagen eine, nun ja, gewagte These auf: Die Schwulen, sagte sie, seien schuld, dass die Models so dünn wären. Schöne Kurven seien für homosexuelle Designer unerotisch: "Das Idealbild eines homosexuellen Mannes ist eine knabenhafte Figur." Und zählte dann all die homosexuellen Designer auf, die sie kennt: Dolce & Gabbana, Marc Jacobs, Jean Paul Gaultier, John Galliano, Giorgio Armani, Karl Lagerfeld und Jil Sander. Sie alle seien gegen zu viel Busen und Hüfte.

Die Liste, sei Frau Gockel gesagt, ließe sich noch verlängern. Aber auch das würde ihre These von den kurvenverachtenden Homos nicht richtiger machen. Im Gegenteil: Wer die These im Ernst diskutieren will, der begibt sich aufs Glatteis. Auf extrem dünne Körper setzen derzeit heterosexuelle Designer genauso wie homosexuelle: Oder vermag irgendjemand eine Liste von Hetero-Designern zu erstellen, die ein großartig anderes Körperideal verfechten? Die ärgsten Hungerhaken zeigt noch immer Ralf Simons bei Jil Sander. Er ist bekanntlich heterosexuell. Genauso wie Christian Lacroix, Roberto Cavalli, Oscar de la Renta, Emanuel Ungaro oder Stella McCartney. Um nur einige zu nennen.

Doch bevor wir hier die Körperbilder einzelner Designer auf ihre Libido reduzieren und damit bei einer doch sehr dummen Diskussion mitmachen, sei auf etwas anderes verwiesen: Das Schwulen-Bashing von Anja Gockel (Die Designerin kommt aus Mainz, zeigt ihre Kreationen bei der Fashion Week in Berlin und wurde durch ihre Ausstattung von "Germany's next Topmodel" bekannt) ist nicht ganz neu: In der Mode wurde den "grässlichen Tunten" schon vieles unterstellt.

Die Rangliste der Schwulenhasser führt noch immer Coco Chanel an: Für sie war der Homosexuelle nichts weniger als der Feind der Frau: "Der Geschmack dieser Männer", schrieb sie: "besteht darin, dass sie ausgezupfte Brauen lieben (sich aber zuvor vergewissern, dass dies ihren Rivalinnen ein kalbsköpfiges Aussehen verleiht), sie lieben goldgefärbtes Haar, das an der Wurzel schwarz ist, sie lieben orthopädische Schuhe, die die Frauen zu Krüppeln machen, sie beweihräuchern das von parfümiertem Fett glänzende Gesicht, das alle Männer abstoßen muss."

Chanel zielte mit diesen Sätzen auf ihren Intimfeind Christian Dior, der den Frauen der Nachkriegszeit das verhasste Korsett verordnete und ihnen damit jene "weibliche Silhouette" zurückgab, gegen die sie sich selbst so verbissen auflehnte. Gegenüber Dior (schwul) kreierte Chanel (hetero) Mode für androgyne Wesen. Oder, wie sich Anja Gockel ausdrücken würde: Mode für knabenhafte Figuren. Vielleicht sollte Gockel das nächste Mal in einer Modegeschichte blättern, bevor sie ein Interview gibt.(hil/derStandard.at, 09.11.2009)

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    Karl Lagerfeld mit seinem Lieblingsmodel Baptiste Giabiconi

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