Der geheime Kompass

8. November 2009, 17:19
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Das Internationale Olympische Komitee schweigt zum Vorwurf, dass sich Ehrenpräsident Samaranch seit 1980 nach Russland richtete

Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer lädt in seine Suite im IOC-Hotel von Guatemala die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees zum Gespräch. Am nächsten Tag wird das IOC den Austragungsort der Winterspiele 2014 wählen. Der Olympiaberater Erwin Roth hilft dem Kanzler und schnappt die Information auf, dass IOC-Ehrenpräsident Juan-Antonio Samaranch doch anreist. Roth weiß sofort und sagt auch, dass Wladimir Putin den greisen Olympier zu Hilfe gerufen hat, auf dass dieser Stimmen für Sotschi auftreibe.

Am 4. Juli 2007 wird Sotschi gegen alle technische und sportpolitische Vernunft gekürt. Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden weint. Der Delegationsleiter und aktuelle OK-Chef von Sotschi, Dimitri Tschernischenkow, fällt vor dem IOC-Ehrenpräsidenten gar auf die Knie und küsst dessen Hand wie die eines Paten. Zweieinhalb Jahre später würde sich in Sotschi wohl heftiger Protest gegen Zwangsumsiedlungen und Naturzerstörung regen, wenn sich in Russland Proteste regen dürften.

Die Wahl Sotschis scheint der letzte Dienst des greisen Samaranch für Putin gewesen zu sein. Samaranch (89), der unter dem faschistischen Diktator Franco Karriere gemacht hatte und 1977 Spaniens Botschafter in Moskau war, soll seit den späten 1970er-Jahren KGB-Agent gewesen sein. Damals arbeitete Putin für den Geheimdienst an der "Beobachtung" von Ausländern.

Aus dem IOC-Hauptquartier in Lausanne lässt man verlauten, die Geschichte von Samaranch und dem KGB sei "reine Spekulation" . Solange keine Protokolle oder andere offizielle Papiere auftauchen, die Unregelmäßigkeiten (Bestechungen, Stimmenkauf, Gegengeschäfte) belegen, wird das IOC wohl mauern, sagt IOC-Fachmann Jens Weinreich. Auch Samaranch schweigt.

Also blühen die Gerüchte. Denn Jacques Rogge, der Samaranch 2001 als IOC-Präsident folgte und im Oktober 2009 für weitere vier Jahre bestimmt wurde, kann dem IOC-Statut zufolge 2013 nicht mehr gewählt werden. Samaranchs öffentliche Hinrichtung durch die Russen weise bereits in die Zeit nach Rogge, heißt es. Der Stabhochsprung-Weltrekordler und Olympiasieger Sergej Bubka (46), ein ehrgeiziger Ukrainer, soll dieser Lesart zufolge zum IOC-Präsidenten gepusht werden.

Samaranchs KGB-Verbindung wird in dem vor wenigen Tagen in Moskau erschienenen Buch Der KGB spielt Schach nur kurz beschrieben. Der russische KGB-Spezialist Juri Felschtinski schilderte Samaranchs Rolle als KGB-Sportspitzel in seinem Buch The Corporation: Russia and the KGB in the Age of President Putin zu Beginn 2009 viel detaillierter. Aber kein Lüftchen regte sich.

Im KGB-Schachbuch freilich outet sich der ehemalige KGB-Oberstleutnant Wladimir Popow erstmals mit seinem Namen. Popow, der sich Mitte der 1990er nach Kanada absetzte, lenkte viele Jahre lang hunderte KGB-Mitarbeiter im Sport. Seine neue Offenheit wird als Indiz dafür gewertet, dass er vom KGB nichts (mehr) zu befürchten habe, sollte er Samaranch diskreditieren. Eine Ära geht zu Ende, in der Männer wie Samaranch, Horst Dassler (Adidas), João Havelange (Ex-Fifa-Präsident) und sein Nachfolger Joseph S. Blatter die Welt und die Geschäfts des Sports kontrollierten.

Sie begann, als der KGB Samaranch beim Schmuggel von Antiquitäten, Schmuck und Gemälden erwischte und ihn vor die Wahl stellte: öffentliche Schande oder diskrete Zusammenarbeit. Samaranch wählte das Zweitere. Knapp vor Beginn der Moskauer Spiele 1980 orchestrierte der KGB mit den Stimmen des Ostens und seiner Verbündeten die Wahl Samaranchs zum IOC-Präsidenten. Ob Samaranch, für den selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt, dem KGB viel lieferte? Weinreich schreibt von einem Joint Venture des KGB und der DDR-Staatssicherheit aus den 1980ern, "um das IOC, Adidas und Dasslers Marketingagentur ISL auszuspionieren" .

Samaranch selbst profitierte wohl am meisten. Im Sommer wurde in Spanien über ein Bild aus dem Jahr 1974 diskutiert, das Samaranch und andere mit dem Faschisten-Gruß zeigt. Der IOC-Karriere war das nie hinderlich. Ein Stasi-Dossier aus den 1980ern charakterisiert Samaranchs Begabung, "sich unter den Mächtigen Freunde zu machen" . Damit verwischte er seine Punzierung als "hundertprozentiger Franco-Anhänger" . (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 9. November 2009)

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    Im Juli 2001 ehrte Wladimir Putin (li.) Juan Antonio Samaranch im Bolschoi-Theater zu Moskau mit einem schönen Orden.

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