"Locker vom Hocker"

5. November 2009, 16:51
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Wie Berge, Wände und Kanten zu ihrem Namen kamen und kommen, untersucht Horst Christoph

Jeder Kajakfahrer auf der steirischen Salza kennt den "Fünftausend-Schilling-Stein", dem er tunlichst mit einem gekonnten Paddelschlag auszuweichen versucht. Seinen Namen verdankt der Felsbrocken dem Straßenbau Mitte der 1960er-Jahre. Als nämlich dabei ein Baggerfahrer unaufmerksam war, polterte der Stein den Abhang hinunter und landete im Bachbett. Weil aber jede Veränderung eines natürlichen Flusses durch Straßenarbeiten verboten ist, wurde den Verursachern eine Strafe von 5000 Schilling aufgebrummt. Davor hieß übrigens diese auch ohne Stein schwierige Stelle die "Kaisergruft", nicht allerdings nach einem hier begrabenen Habsburger, sondern nach einem Paddler der Naturfreunde namens Kaiser, der hier gekentert war.

Solche spontanen, dem Witz, dem Spott oder anderen Äußerungen der Fantasie entsprungenen Namen sind meist kurzlebig und in keiner Landkarte vermerkt. So wie etwa der "Schubladenberg" im Rofangebirge, den der Schriftsteller und Kletterer Walter Klier in dem gerade erschienenen Buch Wo die wilden Hunde wohnen so nennt, weil hier der brüchige Fels aus der Wand zu brechen droht wie die Schubladen aus einem Regal. Drastisch bildhaft ist auch das "Tal der weinenden Frauen". Als Anfang der Siebzigerjahre auf der Innsbrucker Nordkette immer steilere Firnrinnen mit Skiern befahren wurden, da bekamen diese auch Namen. Nun konnten es zwar damals schon die skifahrenden Frauen leicht mit den Männern aufnehmen, aber Letztere hatten doch die volle Oberhoheit über die alpine Namensgebung, und so kam es zu dieser nicht gerade frauenfreundlichen, der Bibel entlehnten Bezeichnung. Heute kennen sie nur mehr wenige, denn die supersteile Rinne ist inzwischen der Lawinenverbauung zum Opfer gefallen.

Die offiziellen, bleibenden Bergnamen sind Zeugnisse von Geschichte, aber trotzdem oft voll der Zufälle, manchmal von Irrtümern geprägt. Schönstes Beispiel ist der höchste Berg der Erde, der Mt. Everest. Da Nepal den britischen Landvermessern den Zutritt verweigerte, mussten diese von außerhalb des Landes operieren und hielten dabei zunächst den Kangchenjunga für den höchsten Gipfel, der Everest bekam bloß den Namen Peak "b". Als 1852 der indische Vermesser Radhanat Sikdar feststellte, dass Peak "b" höher war, wurde das in London erst Jahre später zur Kenntnis genommen. Konnten die Briten sich bei dem nun höchsten Berg auf keinen einheimischen Namen einigen, weder auf den nepalesischen "Sagarmatha" ("Stirn des Himmels") noch auf den tibetischen "Chomolungma" ("Mutter des Universums"), so benannte man schließlich die 8848 Meter hohe Spitze nach dem walisischen Ingenieur und langjährigen Leiter der britischen Vermessungsarbeiten Sir George Everest. Der freilich sprach seinen Namen als "i:vrist" aus.

Die Deutschen nannten den Berg lange Zeit irrtümlich "Gaurisankar" ("Die Göttin und ihr Gemahl"), nachdem der Forscher Hermann von Schlagintweit beim Versuch, den Everest zu erkunden, diesen mit einem vorgelagerten, nur 7145 Meter hohen Gipfel verwechselt hatte. Auch als der Irrtum erkannt wurde, hielten Schulbücher am "Gaurisankar" fest. Allemal besser, dachte wohl das wilhelminische Deutschland, als den Namen dem britischen Erbfeind zu überlassen.

Eine liebenswürdige Ausnahme im Nomenklaturenkrieg ist eine Namensschenkung im Kaukasus. 1903 war die Bergsteigerin Cenzi von Ficker, Tochter einer Tiroler Gelehrtenfamilie, Mitglied einer erfolgreichen Expedition zum Südgipfel des Uschba (4737 Meter) im Kaukasus. Ihr schenkte - beeindruckt von der attraktiven Alpinistin - der Fürst der kaukasischen Region Swanetien, Tatarchan Dadeschkeliani, urkundlich beglaubigt den Berg Uschba. Cenzi von Ficker gelang zum Abschluss der Expedition noch die Erstbesteigung eines bis dahin namenlosen 3860 Meter hohen Gipfels, der seither als "Tsentsi Tau" im Register des Alpine Club of London vermerkt ist.

Personen als Namensspender für Berge, Bergstellen oder Berggegenden sind von alters her beliebt. Sie finden sich als Besitzer (Karwendel nach einem Personennamen Garwendel), Herrscher (Franz-Josefs-Höhe), Forscher (Dolomiten nach dem Mineralogen Déodat de Dolomieu) und Erstbesteiger (Mizzi-Langer-Wand im Wienerwald, Dibonakante in den Drei Zinnen, Steinerwand am Dachstein oder Rebitsch-Spiegel-Führe im Wilden Kaiser).

Abgelöst wurde dieses Branding von Wänden und Kanten mittels Namensduftmarken vor einigen Jahrzehnten durch eine neue Generation von lässigen Extremkletterern, denen nichts so fern lag wie die "Berg Heil"- und Gipfelsieg-Tradition der Vorangegangen. Sie kreierte, ausgehend von Amerika, einen ganz neuen Typ von Namen - "Seperate Reality", "Hexentanz der Nerven", "Eternal Flame", "Göttlicher Wahnsinn" - mit betontem Understatement, ein wenig esoterisch, ein bisschen bildungsbeflissen und immer medienbewusst "Locker vom Hocker", wie eine Route im Wettersteingebirge heißt. Auch "Schwanzus longus", Monty Pythons Film Life of Brian zitierend, durfte dabei nicht fehlen, wie bei Walter Klier nachzulesen.

Und dazu darf uns doch auch das "Frankfurter Würstl", italienisch "Salsi- ccia" einfallen, nur 15 Meter hoch, Schwierigkeitsgrad 3 und 15 Minuten von der Dreizinnenhütte entfernt. Eine der spontanen Namensschöpfungen, die den Eingang in die internationale Bergnomenklatur geschafft haben. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/6.11.2009)

Walter Klier, "Alter Stil, neuer Stil". Eine Jugend im Rofan. In: Wo die wilden Hunde wohnen. Klettergeschichten aus Tirol. Hrsg. von Walter Klier und Anette Köhler. Tyrolia Verlag Innsbruck-Wien.

Heinz Pohl: Bergnamen in Österreich
http://members.chello.at/heinz.pohl/Bergnamen.htm

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    Peak "b", heute Mt. Everest genannt.

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