Ohne Zuzahlung fährt die ÖBB in eine schaffnerlose Zukunft

4. November 2009, 18:27
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Das Verkehrsministerium erlaubt flächendeckend Personenzüge ohne Zugbegleiter - Länder müssen künftig extra zahlen

Wien - Die Hoffnung tausender Bahnfahrgäste auf mehr Information, bessere Services und vor allem Zugbegleiter könnte eine solche bleiben. Denn ein unbedeutend anmutender Bescheid der bei Verkehrsministerin Doris Bures angesiedelten Eisenbahnsicherheitsbehörde eröffnet der ÖBB neue Einsparungsmöglichkeiten.

Unter dem Titel "P-Züge ohne Zub" erlaubt die Behörde der für Bahnerhaltung und Netzbetrieb zuständigen ÖBB-Infrastruktur-Betrieb, künftig österreichweit alle Personenzüge ohne Zugbegleiter (Zub) zu führen. Schaffner in Schnellbahnen, Regional- und Nahverkehrszügen könnten also künftig noch seltener anzutreffen sein. Ausgenommen von dieser flächendeckenden Erlaubnis sind lediglich Züge, deren Technik es nicht schafft, dass in der Haltestelle nur die Türen auf der Bahnsteigseite aufgehen (selektive und sensitive Türsteuerung).

Bundesländer und Verkehrsverbünde, die diesen, im Eisenbahnerfachjargon "Null:Null-Betrieb" genannten, unbegleiteten Zugsverkehr nicht goutieren, haben nur eine Alternative: Sie müssen für den Schaffner-Betrieb extra zahlen. Das gibt ÖBB-Personenverkehr-Chefin Gabriele Lutter auf Standard -Anfrage auch zu: "Wir haben dort Zugbegleiter, wo es technisch notwendig ist." Dass in Regionalzügen in Tirol, insbesondere im Abendverkehr, noch Zugbegleiter anzutreffen sind, liege daran, dass das Land Tirol die ÖBB-Kontroll- und Service-Mitarbeiter mitfinanziere. "Im Verkehrsdienstevertrag ist enthalten, dass wir nicht Null:Null fahren."

Das erklärt übrigens, warum das ÖBB-Pilotprojekt "Alkoholverbot im Nahverkehr" in Tirol startet. Dort sind ausreichend Zugbegleiter unterwegs, um der Belästigung der Pendler durch alkoholisierte Fahrgäste Einhalt zu gebieten.

Grün-Verkehrssprecherin Gabriela Moser reagiert scharf auf "den Freibrief zum schaffnerlosen Fahrbetrieb: Bures kann nicht gleichzeitig Kundenorientierung, Alkoholverbot, Informations- und Serviceverbesserung versprechen und zuschauen, wie die Schaffner abgeschafft werden."

Dass nun die rund 1200 Zugbegleiter im Nahverkehr wegrationalisieren werden, weist ÖBB-Sprecher Thomas Berger zurück: "Die betriebliche Arbeit wird weniger, aber dafür haben die Zugbegleiter mehr Zeit für die Fahrgäste." (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 5. November 2009)

 

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