Verkauft nach Guantánamo Bay

6. November 2009, 15:58
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Ein Radiofeature über vier unschuldige Männer, die ohne Anklage vier Jahre im berüchtigten Gefangenenlager verbrachten

Vier Männer flüchten aus Angst vor Repressionen aus ihrer Heimat, werden als Häftlinge an die Amerikaner verkauft und müssen unschuldig ins Gefangenenlager Guantánamo. Nach Jahren der Tortur landen sie in einem Flüchtlingslager im ärmsten Land Europas. Das Radiofeature "Verkauft" von Christian Lerch erzählt in der Ö1-Reihe "Hörbilder" das Schicksal von vier Uiguren, das maßgeblich vom "Krieg gegen den Terror" beeinflusst ist, obwohl sie mit dem Terror nichts zu tun haben.

Auf der Flucht verkauft

Ayub, Akhdar, Ahmed und Abu Bakr treffen sich erstmals im September 2001 in einem Bergdorf in Afghanistan. Vom Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September wissen sie nichts. Sie haben andere Probleme. In ihrer Heimat, der westchinesischen Provinz Xinjiang, sind politisch-religiöse Repressionen durch die chinesische Regierung an der Tagesordnung, um die Seperationsbestrebungen der Uiguren einzudämmen. Darum sind sie geflüchtet.

Doch der so genannte "Krieg gegen den Terror" holt die vier Uiguren ein, sobald Bomben auf das afghanische Bergdorf fallen. Die Flucht geht weiter ins pakistanische Grenzgebiet. Dort werden sie von Dorfbewohnern für 5000 Dollar pro Kopf an die Amerikaner verkauft. Es folgen mehr als sechs Monate in einem Kriegsgefangenlager in Kandahar und vier Jahre in Guantánamo.

Rechtsstaat außer Kraft

Das Radiofeature zeigt anhand der Männer, wie leicht und willkürlich man im berüchtigten Gefangenlager auf Kuba landen konnte. Vier flüchtige Moslems aus China, zur falschen Zeit am falschen Ort. Dazu großzügige, offensiv beworbene Kopfgelder, die es verlockend machen, Unschuldige als Terroristen zu diffamieren. Die Geschichte macht sichtbar, was passiert wenn der Rechtsstaat außer Kraft gesetzt wird, wenn ohne Beweise und ohne Anklage willkürlich vorgegangen wird. Wenn Folter statt Verhör die Regel ist. 

Weiters wird offensichtlich, wo die Probleme von Obama liegen, wenn er das Lager auf Guantánamo geschlossen haben will. Die Häftlinge sind nahezu unvermittelbar, die Unschuld spielt keine Rolle. Auch Österreich wehrt sich kategorisch gegen die Aufnahme. Trotzdem sehen die Betroffenen die Rolle von George W. Bush, dem Vorreiter des "Kriegs gegen den Terror", differenziert. Sie sind froh, in Albanien zu sein und nicht in China, dort droht ihnen die Todesstrafe

Zerstörte Zukunft

Ayub, Akhdar, Ahmed und Abu Bakr sprechen ungern über ihre Vergangenheit, doch genau diese zeigt was passiert, wenn die "Fahnenträger der Demokratie" die Regeln brechen. Wenn statt Recht Unrecht geschieht. Der Frust der jungen Männer über die Vergangenheit, die Kinder und Frauen, die sie zurücklassen mussten, die Demütigung, die Folter und das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, ist groß. Doch dieser Frust wird noch von etwas überschattet: "Sie haben unsere Zukunft zerstört und haben sich nie entschuldigt." (krm, derStandard.at, 04.11.2009)

"Hörbilder": "Verkauft: Wie Ayub, Akhdar, Ahmed und Abu Bakr im Gefangenenlager Guantánamo Bay landeten" von Christian Lerch ist am Samstag, 7. November 2009, ab 09:05 auf Ö1 zu hören.

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    Nicht alle Häftlinge bekommen den orangenen Overall, der weltweit zum Symbol für Guantánamo Bay wurde.

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    Laut UN-Botschafter Manfred Nowak wurde ein großer Teil der Gefangenen gegen Lösegeld verkauft.

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