Raubtiernummer im Morgenmantel

1. November 2009, 18:50
4 Postings

Mit der Erstaufführung von Tracy Letts' Saga "Eine Familie" verwandelt Regisseur Alvis Hermanis das Wiener Akademietheater in eine Stätte der Zerrüttung: großes Schauspielertheater

Wien - Es ist ein kleiner, aber eben kaum zu überschätzender Glücksfall, dass das Wiener Akademietheater nunmehr als Schauplatz kultureller Völkerverständigung herhalten darf. Dabei ist das Stück Eine Familie des US-Autors Tracy Letts (Originaltitel: August: Osage County) eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Das Südstaatenmelodram feiert in dieser ausufernd redseligen O'Neill-Paraphrase seine nicht mehr für möglich gehaltene Auferstehung.

Eine ebenso kinderreiche wie fluchbeladene Familie dämmert in der Ruine eines abgewohnten Herrenhauses ihrem Untergang entgegen. Und weil der Lette Alvis Hermanis die österreichische Erstaufführung inszeniert, hat er den Trödel abgewirtschafteter Existenzen in gewohnter Manier auf die Bühne räumen lassen (Ausstattung: Monika Pormale).

Die Fenster des einstöckigen Hauses sind mit Blenden verhängt: In dem düsteren einstöckigen Gebäude herrscht die gleichbleibende Ödnis eines Tag-und-Nacht-Verlieses.

Tapetenmuster aus den Dekadenzjahren der Pop-Art springen abstoßend ins Auge. Im ersten Stock, unter einer schmutzigen Tuchent, liegt, vorerst still, das Kraftpaket dieser dann doch bestürzend großartigen Aufführung: Violet Weston (Kirsten Dene), die tablettensüchtige Clan-Mutter eines zu Siechtum und Niedergang verurteilten Geschlechts.

Es ist fast unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit Letts die Schatzkammern des bürgerlichen Trauerspiels - Abteilung: US-amerikanischer Mittelwesten - geplündert hat. Der im Whiskey-Rausch schwer schnaufende Patriarch Beverly Weston (Michael König) stellt ein indianisches Hausmädchen ein (der gute Geist: Anna Starzinger).

Beverly, der für sein Leben gern T. S. Eliot zitiert, weil er selbst einmal als hoffnungsvoller Lyriker galt, geht ins Wasser. Prompt tritt die weitverzweigte Familie als sozialer Rettungsverband zusammen: vorne weg die drei Weston-Töchter mit den Scherben und Restposten ihrer zerrütteten Beziehungen.

Weil die Zeiten zur Wiederbelebung des Atriden-Mythos nicht recht taugen, hat Pulitzer-Preis-Träger Letts die Erinnerungen an Tennessee Williams oder Edward Albee auf Sitcom-Größe heruntergebogen. Die herrlichen Schauspieler nehmen das Tragödienformat an, beharren aber auf angelsächsischer Leichtigkeit: voran Tochter Barbara (Dörte Lyssewski), die das Scheitern ihrer Ehe mit dem Dozenten Bill (Falk Rockstroh) nicht verwindet. Die ihre Lebensdepression tapfer verbirgt, wenn sie ihre Rolle als patentes Klebemittel einer in Wahrheit unheilbar zerrütteten Familie spielt.

Verstörte und Versehrte, wohin das Auge blickt: Die zweite Tochter (Sylvie Rohrer) gibt das wandelnde Tschechow-Echo. Wo es bei diesem aber heißt: "Nach Moskau!", träumt Ivy von einem Liebesnest mit dem Cousin im fernen New York. Der Vater ist ertrunken. Die Mutter (Dene) aber stopft Pillen in sich hinein - und nutzt das Totenmahl am Küchentisch zur ebenso furiosen wie freilich auch infamen Abrechnung mit einem Rudel Lebenslügner.

Wann hat man die große Dene zuletzt derart souverän gesehen? Mit dem siebensüßen Zungenschlag der sedierten Gewalttäterin verschanzt sich Mama Weston hinter ihren Aussetzern. Raucht Kette, gibt sich nur allmählich als das kontrollierende Machtzentrum im Morgenmantel zu erkennen.

Dene als heimtückische Königin Raubtier ist das wahre Ereignis dieser fünfstündigen Einfamilien-Schlacht. Sie gibt sich als Drahtzieherin des Selbstmordes ihres Mannes zu erkennen. Die letzten loyalen Familienangehörigen stürzen aus dem Haus: die unverantwortliche jüngste Tochter (Dorothee Hartinger), die kiffende Enkelin (Sarah Viktoria Frick), die Schwester (Barbara Petritsch) mit ihrem linksliberalen Nichtsnutz von Mann (Roland Kenda). Die Chargen verdampfen förmlich.

Mutter Weston bleibt mit der Indianerin zurück. Eine Komödie? Eine Tragödie? Eher großes Kino, von Hermanis episch inszeniert. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 2.11.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Familie versinkt in Trümmern: Mutter Weston (Kirsten Dene, re.) mit Tochter (Sylvie Rohrer).

Share if you care.