Lücken mit Mehrwert

30. Oktober 2009, 19:10
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Wir haben gewusst, dass wir uns auf ein Wagnis einlassen, dass der Lesefluss gestört sein würde

Geschäft ist es, gegen den Strich zu bürsten, das Außergewöhnliche im Alltäg_lichen sichtbar zu machen. In der Vorwoche haben wir das ungewöhnlich deutlich gemacht – mit fast nichts, mit Nahezu-Löchern in den Texten. Ein Jux, haben manche geglaubt.

Ganz und gar nicht ist das richtig. Es war uns ein ernstes Anliegen, dem zum Nationalfeiertag so üppig wie oberflächlich beschworenen Heimatbegriff anders – mit Nachdenklichkeit – zu begegnen. Die Künstlerin Eva Schlegel hat sich in dieser jüngsten Schwerpunktausgabe unsere Texte vorgenommen und passend interveniert. Sie hat Länder- und Städtenamen nahezu vollständig zum Verschwinden gebracht. Sie hat deren Existenz beinahe ausgelöscht und sie damit über die gewohnte Wahrnehmung hinaus in unser Bewusstsein gehoben. Das war die Absicht, von Druckfehlern kann nicht die Rede sein.

Wir haben gewusst, dass wir uns auf ein Wagnis einlassen, dass der Lesefluss gestört sein würde. Wer die Gebrauchsanleitung auf der Titelseite überlesen hatte, nahm die Auslassungen in der Spezialausgabe kaum sogleich als Aufforderung zur Reflexion wahr. Aus den Reaktionen ist jedoch zu schließen: Der Warnhinweis entfaltete eine über den Erwartungen gelegene segensreiche Wirkung.

Freilich wurde uns vorgehalten, ein entbehrliches Experiment unternommen zu haben, und wir bekamen es mit gleicher Münze heimgezahlt: Ein Protestschreiben kam in blassgrauen Lettern auf weißem Untergrund an.

Ein Produkt vorzulegen, das nicht in jeder Weise gefällig sein will, ist ein eben Risiko. Eva Schlegel hat es aber vermocht, aus Lücken Mehrwert zu destillieren. Wir wollten neue Perspektiven eröffnen. Darin sind wir uns treu geblieben – in anderer Weise sowieso. Derart haben wir uns mit der österreichischen Realverfassung schon davor auseinandergesetzt, in einem Kommentar zur Regierungsbildung in Oberösterreich. Wir schrieben: „Die Strategie ist aufgegangen: Die Grünen sitzen wieder mit im Boot, Rot und Schwarz werden zuweilen mitrudern.“ Josef Pühringer hat zwar eine Großzügigkeit bewiesen, die er, ausgestattet mit absoluter Mehrheit für seine Schwarzen, nicht hätte zeigen müssen, doch so zurückhaltend, dass er nur „zuweilen mitrudern“ wird, ist er nicht. Der Landeshauptmann hält das Steuer fest in Händen, die gelegentlichen Ruderschläge sind ‚Rot und Blau‘ erlaubt.

Die Uni darf hier nicht fehlen. Der sprichwörtliche kleine Maxi stellt sich das vielleicht so vor: Die Studierenden besetzen mit der nötigen Lautstärke einen Saal, und die Regierung lässt jene paar Millionen Euro springen, die schon längst im Bildungsbudget sein sollten. Diesen Maxi haben wir wahrscheinlich im Sinn gehabt, als wir vor einer Woche auf die Titelseite schrieben, Studierende besetzten den Audimax der Uni Wien. Tags darauf konnten wir berichten, „binnen Stunden avancierte das Wort ,Audimax‘ auf Twitter zu den meistverwendeten im deutschen Sprachraum.“ Es hat sich damit bis zu uns herumgesprochen, dass es sich um das und nicht den Auditorium maximum handelt. (Otto Ranftl, Leserbeauftragter, DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2009)

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