Zeigen, was echt ist – bitte ohne Moral!

30. Oktober 2009, 18:00
1 Posting

Gerhild Steinbuch ist Autorin und Dramatikerin und besucht für den STANDARD die Viennale

Alarmismusgeschrei: Die Welt muss ins Werk, sonst taugt das Werk nichts!" Legitimer Anspruch, bloß: Woher rührt der Glaube, dass Abbildung eins zu eins gleich Welthaltigkeit? Egal, an diesem Glauben lässt sich schlecht rütteln. Vielleicht ist das auch was Angenehmes: ins Theater oder ins Kino, oder im Buch versinken und kein "Stein im Schuh", weil ohnehin bereits bekannter Stein, wie noch mal Frühstückszeitung lesen. Das macht gar nichts, außer äußerlich einer Forderung gerecht werden, deren Tiefe sich nicht so recht tiefenwirksam herumspricht - das ist halt auch so eine schöne Oberfläche - weshalb die Tiefenauslotung fehlschlägt.

Dabei hat das doch Ecken und Winkel, dieses "so tun, als ob", da steckt das kleine miese Elend drin und schreit "Moral" aus voller Lunge. Klar auch, weil Abbild immer Verkleinerung und Verkleinerung gleich: Festklopfen, Klischeegefahr. Das Klischee springt zwar durchs Leben, irgendwoher muss es ja kommen, aber wie man damit umgeht! Da reicht's nicht, es in die imaginierte Abbildwelt zu pflanzen und - sich hineinversetzend - durchzusteuern, das generiert bloß Abziehbilder und Egoeitelkeit, dem Steuermenschen unterstellt (und das zu Recht!), sonst nichts.

Was außerdem hinzukommt: Angebrachte Themensensibilität, weil: Echtheitsgeschrei die eine Sache, andre Sache: Echtheitsanmaßungsgefahr, wenn die Annäherung an das Thema ausschließlich der Imagination geschuldet ist, zum Beispiel: das Hineinversetzen in Überlebende extremer Gewalt; geht aber auch weniger extrem. Was zum Kotzen ist: Dieses Hineinversetzen mit Getröt, am schlimmsten noch gefühlig, bitte und Verständnis für die Menschen, die man durch die Geschichte schiebt, weil man ja weiß, wies ihnen geht, man schiebt sie ja herum. Was an sich auch in Ordnung, weil: meine Menschen, meine Welt, nur dann eben bitte auch die Weltzugehörigkeit zur eigenen Person als solche ausweisen und nicht Menschen-, Milieu-, Krankheits-, Unglücksfall- und Weltversteher spielen, vielen Dank.

Warum nicht als legitimen Ansatz nehmen: Totale Fiktion und so etwas über das "Echte" erzählen? Zumindest aber: Überhöhung schaffen, was sogar Voyeurismus legitimiert, weil das lüsterne Auge dann immer noch durch ein formales Korsett schaut, dazu siehe "Stein im Schuh", Lars von Trier. Am liebsten in der Echtheitsdebatte aber vielleicht gleich Doku, dann sprechen nur die, die was zu sagen haben. Auf diesem Meinungsuntergrund mit dem Fuß aufstampfend, erstaunt ein Film wie Fish Tank, umso mehr, weil er das schafft, was vorhin der gesamten Gattung abgesprochen, nämlich: Was zeigen, das echt ist, ohne Moral und Klischee und Mitleid oder Verständniskomplex.

Der macht was, das auch Naked, von Mike Leigh macht, der hält in der Schwebe, zwischen den Menschen so viele unterschiedliche Spannungen, dass man nicht sagen kann, was das eben gerade ist, ein (wie wichtig das ist und wie selten das vorkommt!) zynismusfreier Blick, eine unendlich präzise Uneindeutigkeit - in Ordnung, das geht. (Gerhild Steinbuch, DER STANDARD/Printausgabe, 31.10.2009)

  • In der Schwebe bleiben - auch mittels Tanz: Mia (Katie Jarvis), die trotzige Protagonistin aus Andrea Arnolds "Fish Tank".
    foto: viennale

    In der Schwebe bleiben - auch mittels Tanz: Mia (Katie Jarvis), die trotzige Protagonistin aus Andrea Arnolds "Fish Tank".

Share if you care.