Ekstase in der Isolation

29. Oktober 2009, 17:34
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Rückblick auf ein Phänomen: Vor 20 Jahren veröffentlichten Nirvana ihr Debütalbum

Nun erscheint "Bleach" klanglich auffrisiert und um ein bislang unveröffentlichtes Livekonzert erweitert als Deluxe-Ausgabe neu. Ein .

Wien - Lange Haare und gepresster Gesang. Harte Gitarren, tiefgelegter Bass. Abgefuckte Alltagskleidung und Hinterwäldleranmutung. Als das US-amerikanische Label Sub Pop aus Seattle ab 1987 Alben veröffentlichte, prägten diese Zutaten das Image von Bands wie Mudhoney, Tad oder Nirvana. Diese spielten im äußersten Nordwesten Amerikas einen Sound, der sich auf 1970er-Hardrock ebenso bezog wie auf den aus dem Punk kommenden Hardcore, dem man sich schon deshalb verbunden fühlte, weil er die Alltagsumstände der unteren Mittelschicht mit entsprechendem Zorn vertonte. Ganze Wandschränke voll wütend-adoleszenter Musik wurden damals von Labels wie SST, Homestead, Alternative Tentacles und eben auch Sub Pop veröffentlicht.

Als vor 20 Jahren mit der Katalognummer SP-34 das Album Bleach von Nirvana erschien, war das nur eine weitere schwierige Geburt eines kleinen, ambitionierten Labels, das beständig in Geldnöten war. Keine Spur von Weltrevolution. Eingespielt zur Jahreswende 1988/1989, wurde Bleach am 15. Juni 1989 in den USA veröffentlicht und verkaufte sich in der Folge 30.000-mal.

Das war alles andere als schlecht für das Debüt einer damals unbekannten Band. Zumal der Markt ohne weltweite Vernetzung oder die heutigen Informationsbedingungen entsprechend bescheiden dimensioniert und von Mundpropaganda und der Aufmerksamkeit einiger weniger Medien bestimmt war. Der Achtungserfolg von Bleach multiplizierte sich nach dem Durchbruch der Band 1991 mit dem Album Nevermind und wuchs in den nachfolgenden Jahren in den siebenstelligen Verkaufsbereich hinein.

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums wurde Bleach nun neu abgemischt und in erweiterter Form wieder aufgelegt. Sowohl bei der Vinyledition als auch auf der CD gibt es ein bislang unveröffentlichtes Livekonzert der Band aus dem Jahr 1990 als Bonusmaterial.

"Recorded in Seattle at Reciprocal Studio by Jack Endino for 600$" steht auf der Rückseite des Covers. Nicht einmal der Name des Sängers war richtig geschrieben: "Kurdt Kobain" steht dort zu lesen, auch jener des Bassisten Krist Novoselic war als "Chris" falsch gesetzt. Das bezeichnet die Arbeitsbedingungen zu jener Zeit: amateurhaft, fehleranfällig, unpräzise und räudig. Alles Zuschreibungen, die sich bestens mit dem "Seattle Sound" - wie ihn Sub Pop etikettierte - vertrugen. Denn wichtiger als schnöde Perfektion war der bedingungslose Fanatismus, mit dem zu Werke geschritten wurde: Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie!

Posterboys? No Way!

Zwar waren einige frühere Underground-Bands zu jener Zeit bereits bei großen Verlagen unter Vertrag oder schon wieder Geschichte, die Aussichten, mit diesem wüsten Sound so etwas wie eine Karriere im Musikbusiness zu machen waren dennoch unwahrscheinlich. Diese abgefuckten Flanellhemdträger in ihren kaputten Jeans und Turnschuhen als Posterboys? No way!

So entstand Bleach trotz seiner aggressiven Anmutung aus einer süßen Unschuld heraus. Persönliche Befindlichkeiten wurden in wenigen Zeilen formuliert und hingerotzt. Die Musik war die diese verbale Freisetzung begleitende Detonation eines Jetzt-Gefühls, das Punk einst mit "No Future" umschrieben hatte. Die wenigen Soli waren schief, die Riffs schnell und hart, die Stimmung pessimistisch.

Ebenso eindringlich, wie Nirvanas Sound dieses Lebensgefühl transportierte, hielt es Charles Peterson fest, der Haus- und Hoffotograf von Sub Pop. Auch das Cover von Bleach stammt von ihm und zeigt die Band als vier selbstvergessene Langhaarige beim Malträtieren ihrer Instrumente. Dabei im Zustand nahender oder schon erreichter Ekstase. Ein Sog, ein Rausch. Auch die Songtitel sprachen Bände: School, About A Girl oder Downer vermittelten in ihrer Knappheit eine isolierte Ich-Bezogenheit ohne viel Hoffnung: Wir wollen zwar Liebe, aber wir sind verdammt schwer zu lieben.

Dass sich auf der ganzen Welt Legionen junger Menschen fanden, die ähnlich empfunden haben, erfuhren Nirvana 1991 mit dem Folgewerk Nevermind, das sich millionenfach verkaufte, aber nicht mehr die radikale Verweigerungsästhetik ihres Debüts besaß. Dorthin gelangten die plötzlichen Multimillionäre erst wieder mit ihrem dritten Album, dem herrlich bockigen und sperrigen In Utero (1993). Ultimativ verdeutlicht wurde diese Haltung schließlich im April 1994 mit der Selbsttötung Cobains - ungeachtet der tatsächlichen Gründe. Doch zu dem Zeitpunkt war der Mainstream längst vom einstigen Underground und seinen Trittbrettfahrern geflutet, jedes Flanellhemd bekam seinen Plattenvertrag.

Welches das beste Nirvana-Album ist, bleibt offen und Geschmackssache. Als Zeitdokument im Sinne der Herleitung eines popkulturellen Phänomens, das in Nevermind gipfelte, also endgültig massentauglich wurde, ist das bis heute eher stiefkindlich betrachtete Bleach zumindest das interessanteste Nirvana-Album. Neben den Errungenschaften der US-Underground-Kultur der 1980er und essenziellen Arbeiten von Wegbereitern wie Black Flag, Sonic Youth, Big Black oder Hüsker Dü und anderen mehr. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2009)

 

  • Nirvana: "Bleach"  (Sub Pop), CD-Reissue im Vertrieb von Warner, Vinyl-Edition im Vertrieb von Trost
    foto: subpop

    Nirvana: "Bleach"  (Sub Pop), CD-Reissue im Vertrieb von Warner, Vinyl-Edition im Vertrieb von Trost

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