Linke wählen Pragmatismus

26. Oktober 2009, 16:43
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Bei einer Urabstimmung am Wochenende wurde Pier Luigi Bersani zum neuen Chef der stärksten Oppositionspartei, Partito Democratico, gemacht

Ein Sexskandal von berlusconianischem Ausmaß überschattete die Wahl.

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Er ist weder jung noch neu. Doch als erfahrenem Pragmatiker könnte ihm das Kunststück gelingen, den Dauerstreit in der italienischen Opposition zu beenden. Drei Millionen Sympathisanten und Mitglieder des Partito Democratico machten die Urwahl für den Parteivorsitz am Sonntag zum Plebiszit für Pier Luigi Bersani.

Mit 52 Prozent der Stimmen ließ der ehemalige Wirtschaftsmnister den amtierenden Parteichef Dario Franceschini klar hinter sich, der sich mit 34 Prozent begnügen musste. Der Transplantationschirurg Ignazio Marino, dessen Kandidatur gegen die Parteihierarchie gerichtet war, konnte mit 14 Prozent einen Achtungserfolg verbuchen.

Mit der Niederlage Franceschinis verabschiedet sich die Partei endgültig vom Versuch seines Vorgängers Walter Veltroni, den Partito Democratico vom Rest der Opposition abzukoppeln und zu einer starken sozialdemokratischen Kraft auszubauen, die eine Alternative zu Berlusconis Volk der Freiheit hätte bieten können.

Debatte mit Handwerkern

Bersani, der ideologische Diskussionen verabscheut und auf pragmatische Lösungen setzt, will zur früheren Politik der Allianzen zurückkehren. Vor allem will er "die Mauer zwischen der politischen Diskussion und jener über die reale Wirtschafts- und Arbeitssituation der Menschen niederreißen" . Bereits wenige Stunden nach seinem Wahlsieg sah man Bersani in Prato mit Handwerkern diskutieren, deren Betriebe durch die Krise gefährdet sind. Der 58-jährige aus Piacenza gilt als profunder Kenner der Klein- und Familienbetriebe, die das Rückgrat der italienischen Wirtschaft bilden.

Überschattet wurde die Wahl des Parteivorsitzenden am Sonntag durch den Sexskandal eines linken Spitzenpolitikers. Der Präsident der Region Latium, Piero Marrazzo, stellte sein Amt zur Verfügung, nachdem er bei einer Begegnung mit einem Transsexuellen gefilmt worden war. Vier Carabinieri, die versucht hatten, ihn mit dem Video zu erpressen, wurden verhaftet.

Premier Silvio Berlusconi hatte den politischen Gegner in einem Anruf gewarnt, dass ein entsprechendes Video einem Klatschblatt seines Mondadori-Verlags für 200.000 Euro angeboten worden sei. Obwohl die Erpressungsversuche seit Juli andauerten, erstattete Marrazzo keine Anzeige - aus Furcht vor den Folgen des Skandals. Die Polizei griff zu, als sein Mittelsmann das Video in Mailand kaufen wollte, um es aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Linke, die seit Monaten Berlusconis Sexaffären anprangert, reagierte entsetzt auf den Skandal im eigenen Lager. Zu seinen zahlreichen Begegnungen mit Transsexuellen, die er mit Blankoschecks belohnte, fuhr Präsident Marrazzo häufig mit Leibwächtern und Dienstwagen. Etliche Details der verworrenen Affäre, bei der es auch um ausgiebigen Kokainkonsum geht, sind noch ungeklärt. Auf einer Pressekonferenz in Rom brach Marrazzo in Tränen aus: "Ich will nur noch verschwinden." (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2009)

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    Erstens, zweitens, drittens: keine Ideologie, sondern Taten – dafür steht Pier Luigi Bersani, ehemals Wirtschaftsminister und seit dem Wochenende Chef des Partito Democratico in Italien.


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    Blankoschecks, Transvestiten und Kokain: Piero Marrazzo.

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