Aus einigermaßen sicherer Entfernung

23. Oktober 2009, 17:29
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Vermutungen über Österreich von einem, der in Berlin lebt und so die Vorteile der halben Distanz genießt, aber auch an deren Nachteilen leidet

Als ich 1993 berufshalber von Wien nach Hamburg ging, irrte ich mich gleich dreifach: Ich glaubte, bloß in eine andere Stadt zu gehen, ein paar Monate später wieder zurück zu sein und über Österreich ungefähr Bescheid zu wissen. Heute, rund siebzehn Jahre später, bin ich immer noch weg, weiß, dass ich mehr als nur die Stadt gewechselt habe, und Österreich erscheint mir wie ein Wackelbild, das ich nicht zu fassen kriege. Aber das liegt wohl daran, dass ich nicht im richtigen Ausland mit einer richtig exotischen Kultur lebe, sondern in Berlin. Einer Stadt, die nur eine Flugstunde von zu Hause entfernt ist, die mich auf Distanz hält durch ihre Härte, in der ich jedes Wort zu verstehen glaube, die mir an manchen Plätzen wie ein Bezirk von Wien erscheint und in der ich mit meiner hanseatischen Frau und unseren beiden hier geborenen Kindern lebe. An einem Ort also, an dem ich gerade so weit von Österreich entfernt bin, dass es mir fremd geworden ist - ihm zugleich aber so nahe bin, dass es mit dieser Fremde nicht allzu weit her ist.

Aus dieser deutschen Halbdistanz nehme ich Österreich und seine Politik als etwas wahr, mit dem ich mich besser nicht näher beschäftigen sollte: wegen seiner provinziellen Volten, seiner gelegentlichen Verkommenheit und seinen immer wieder aufploppenden Ressentiments. Das ist schweres Geschütz, ich weiß, und sicher verstehe ich die Nachrichten, die mich sporadisch erreichen, nur deshalb so, weil ich nicht mittendrin stecke im lebendigen Geschehen des Landes, das mich verständnisvoller machen würde.

Ethik und Politik

Stattdessen sitze ich in Berlin, nehme die freundliche Einladung zur Unwissenheit, die das Fortsein bietet, dankend an und riskiere nur gelegentlich einen genaueren Blick. Um dann zielsicher bei jemandem wie Karl-Heinz Grasser zu landen. Allein der Umstand, dass er sich einst als Minister von der Industriellenvereinigung seine private Homepage hat bezahlen lassen, hätte - von Berlin aus gesehen - sein politisches Ende bedeutet; in Deutschland reicht den allermeisten Politikern ein Skandal dieser Größe, um widerstandslos zurückzutreten. Grasser hingegen hat ... aber, was schreibe ich hier: All das ist bekannt und vielen Österreichern ebenso zuwider. Und doch ist es österreichische Realität, dass Leute wie Grasser über viele Jahre hinweg Politik auf ihre Weise machen können; einmal abgesehen von all den anderen Figuren, Jörg Haiders Erben vorneweg, aber über sie und ihresgleichen nun wirklich kein Wort, es ist alles gesagt.

Wenn ich es richtig sehe, dann geht es vielen Österreichern, die in dieser Halbdistanz leben, ähnlich. Manchmal treffen wir einander in Berlin. Dann seufzen wir ein bisschen, erst über die ferne Innenpolitik, um anschließend die Deutschen für einige ihrer Tugenden zu loben. Und während wir sie einander flüsternd aufzählen, als täten wir etwas Verräterisches (und Österreicher, die gut über Deutschland sprechen, haben in den eigenen Augen immer etwas Verräterisches, aber das ist ein eigenes Thema), machen wir in Wirklichkeit etwas anderes: Wir versichern einander, was wir an Österreich schwierig finden; und was wir schätzen an ihm und seinen Menschen. Meist beginnen wir unsere indirekte Unterhaltung über Österreich mit einem Lob der deutschen Geradlinigkeit und Berechenbarkeit - und lamentieren auf diese Weise über die österreichische Unzuverlässigkeit, Doppelbödigkeit und Ambivalenz, das österreichische Intrigantentum. Verabredungen würden nicht eingehalten, Konflikte verschleppt, es werde hinter den Kulissen paktiert, und nie wisse man, woran man wirklich sei. Zugleich aber schwärmen wir vom Spielerischen unserer Landsleute, von ihrem Schmäh, ihren levantinischen Umgangsformen und ihrem Talent zum Literarischen. Eigenschaften, die wir an den Deutschen schmerzlich vermissen.

Kühler Hauch des Staates

Doch es gibt Momente, in denen diese schlampige Unbestimmtheit einer Klarheit weicht, die ich unserem Land so nicht zugetraut hätte. Wenn es etwa darum geht, wer unsere Staatsbürgerschaft bekommt, besser, wer sie NICHT bekommt. Das sind viele Migranten. Und unsere Kinder. Weil ihre Mutter eine Deutsche ist und wir nicht verheiratet sind, gibt es keine Aussicht darauf. Auch wenn diese Frage für unsere Familie nicht existenziell ist, wie für viele Emigranten, weht mich doch der kühle Hauch eines Staates an, der kein Interesse daran zu haben scheint, dass man ihn für gemütlich und menschenfreundlich hält. "Ihnare Kinder kriegen unsere Staatsbürgerschaft net!" - so zitiert meine Frau bis heute zähneknirschend die Auskunft des Konsulats. Doch wir wären nicht in Österreich, wenn sich nicht damals ein Wiener Magistratsbeamter gefunden hätte, der mir die Schleichwege zur Staatsbürgerschaft geschildert hätte. Es war meine Schuld, sie nicht beschritten zu haben.

Je länger ich darüber nachdenke, warum ich mich über die Jahre darin eingerichtet habe, mein Österreich aus dem Augenwinkel zu betrachten und ihm ebenso fern wie nah zu bleiben, umso mehr vermute ich, dass ich es aus einem einfachen Grund mache: Ich will mir meine Zuneigung nicht vermiesen lassen. Weder von mir, noch von einigen meiner Landsleute, noch von der Vernunft. Eine Zuneigung, gegen die man sich spätestens dann nicht mehr wehren kann, wenn man durchs Land fährt. So saßen ein Freund und ich einmal schweigend im Zug, von Wien in Richtung Salzburg, und wir sagten im selben Moment etwas wie "Ist es nicht wunderschön ..." - um einen Moment später dreinzusehen, als hätten wir eben etwas Ungehöriges gesagt. Nur gut, dass ich anderntags wieder in Berlin war. (Christian AnkowitschDER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.10.2009)

Christian Ankowitsch war Kulturredakteur des Standard. Jetzt lebt und schreibt er in Berlin. Zuletzt: "Dr. Ankowitschs kleiner Seelenklempner" , Rowohlt

  • Österreich erscheint mir wie ein Wackelbild, das ich nicht zu fassen kriege. Christian Ankowitsch

    Österreich erscheint mir wie ein Wackelbild, das ich nicht zu fassen kriege. Christian Ankowitsch

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