Historische Selbstdarstellung & Fremdreflexion

23. Oktober 2009, 16:46
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Christian Brandstätters "Salzkammergut - Die Welt von gestern in Farbe" und "Niederösterreich - Die Welt von gestern in Farbe"

Abgesehen von der Urbanität eleganter Straßen, Palais, prunkvoller Kirchen und imperialer Paläste, ist die Außenansicht Österreichs von historisch tradierten Klischees ruraler und alpiner Landschaften und deren entrisch-exzentrischen Bergvölkern beseelt. Das hiermit determinierte Fremdempfinden wird weitgehend, mittels redundander Repetition diverser Klischees, in kinematografischen, televisionären und musikalischen Eigendarstellungen weitergetragen.

Die Wurzeln dieser historisch relevanten Realitäten seziert die von Christian Brandstätter kuratierte bemerkenswerte Buchserie Die Welt von gestern in Farbe. Das Österreichische Volkshochschularchiv entdeckte vor kurzem eine Sammlung von Glasdiapositiven, entstanden zwischen 1900 und 1925: eine authentische Dokumention von Land und Leuten. Österreich in seiner Landschaftsvielfalt: Land der Berge, der Täler, der Burgen, Dome, Äcker und Flüsse. Im Kanon der Hymne könnte man beinahe vermeinen, dass "die gute alte Zeit" beschworen werden soll. Die publizistische Intention ist aber eine andere: schlicht jene der historischen Dokumentation. Vergleiche zu heutigen Ansichten sind zulässig, gleichgültig, ob dies das Ortsbild von Krems, St. Pölten, Bad Aussee oder die Physiognomie der in tradioneller Tracht gekleideten Bevölkerung betrifft. Eine versunkene Welt, ohne Verklärung, ohne Romantisierung. Wider die Dämonie der Gemütlichkeit. Auch Berufe einer vergangenen Epoche werden präsent: Wagner, Flößer, Siebmacher, Köhler und mehr.

Bislang erschienen Bände über Wien, Niederösterreich und das Salzkammergut. Sozial-, zeitgeschichtlich relevante Bilderwelten über die Steiermark, die Alpen und den Westen Österreichs befinden sich in Vorbereitung.

Angesichts aktueller Fernsehprogramme, die mittels einer Unzahl an volksdümmlichen Musikanten- und Schlagerparaden mit billig älplerischen Klischees in stilisierten Pseudo-Lodenjankern fabelhaft reüssieren, dient die authentische historische Genesis als Trost. Die tiefenpsychologisch erschreckende Frage ist nur, im Bewusstsein der enormen Einschaltquoten derartiger Einfältigkeitsbeweise, was nun Klischee, was Realität ist? Kritisch hinterfragt: Ist die Rezeption eines modernen, weltoffenen Landes nur Utopie? Denn selbst bei den Bemühungen der Fremdenverkehrswerbung, Tradition mit Moderne zu junktimieren, werden die in den meisten Köpfen vorhandenen Schranken und Grenzbalken heruntergelassen. (Gregor Auenhammer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

Christian Brandstätter, "Salzkammergut - Die Welt von gestern in Farbe" . € 29,90 / 144 Seiten. Christian Brandstätter, "Niederösterreich - Die Welt von gestern in Farbe" . € 39,90 / 232 Seiten. Beide: Christian-Brandstätter-Verlag, Wien 2009

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    foto: der standard
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