"Polen wollen reicher sein"

20. Oktober 2009, 17:54
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Warum Polens Wirtschaft trotz Krise wächst und wieso es gut ist, dass gerade junge Menschen ihre Jobs verloren, erklärt Michal Boni

STANDARD: Polen ist das einzige EU-Land 2009 mit Wirtschaftswachstum. Woran liegt das?

Boni: Zwischen 1999 und 2003 hatten wir eine Krise, die aus Russland kam. Polnische Unternehmen haben sich damals restrukturiert und sich Wettbewerbsvorteile erarbeitet. Bei uns sind sehr viele junge Menschen nur temporär angestellt, rund 25 Prozent. Sie sind mobil, flexibel und finden schnell wieder einen Job. Wir haben EU-Gelder hauptsächlich in wirtschaftliche Infrastruktur investiert. Und mit Anfang 2009 haben wir die Einkommenssteuer gesenkt. Die Leute haben dadurch zwei bis drei Milliarden Euro mehr für den Konsum.

STANDARD: Worin bestehen die Wettbewerbsvorteile?

Boni: Bisher waren es niedrige Lohnkosten und wachsende Produktivität. Jetzt wollen wir auch wettbewerbsfähig werden bei neuen Ideen. Wir haben viel in Ausbildung investiert. 50 Prozent der 19-jährigen besuchen höhere Schulen. Diese jungen Leute müssen unsere Wirtschaft für neuenTechnologien und neue Ideen öffnen.

STANDARD: Was unternimmt die polnische Regierung gegen die Krise?

Boni: Wir hatten keine Bankenkollapse, aber wir haben Probleme mit der Liquidität. Um der polnischen Währung zu helfen, haben wir einen flexiblen Kredit vom IWF, 20 Milliarden Dollar. Die staatlichen Banken bieten Kredite für kleine Unternehmen an. Nachdem wir das eingeführt haben, waren auch private Banken wieder eher bereit, neue Kredite zu vergeben. Arbeitslosen bieten wir spezielle Kredite, die sie zurück zahlen können, wenn sie einen Job finden. Und wir wollen künftig Investitionen verstärkt über Staatsgarantien finanzieren. Außerdem haben wir ein Kurzarbeitspacket, dass zwölf Monate läuft und subventionieren manche Jobs für sechs Monate.

STANDARD: Was kommt nach der Staatshilfe für den Arbeitsmarkt?

Boni: In der Krise in den 90ern waren die meisten Leute, die ihren Job verloren haben, über 45. Heute sind die meisten jung. Viele, die ins Ausland gegangen sind, kommen jetzt zurück und wollen ihr eigenes Unternehmen gründen. Die alte Generation hat gewartet, das dieRegierung etwas tut. Die junge Generation zeigt viel mehr Eigeninitiative. Sie wollen viel reicher sein, sie sind hungrig nach Erfolg.

STANDARD: Einige osteuropäische Länder waren enttäuscht über die Reaktion der EU auf die Wirtschaftskrise. Trifft das auch auf Polen zu?

Boni: Ich glaube, die Enttäuschung hat nichts mit der EU zu tun, sondern damit, nicht beimEuro dabei zu sein. Das macht in dieser Krise nämlich einen großen Unterschied. Wir hatten viele Probleme mit unserer Währung Anfang des Jahres. Wir wollen möglichst schnell den Euro einführen.

STANDARD: Wie geht es nach der Krise weiter?

Boni: Die entscheidende Frage für Polen und viele andere Länder ist: Wie gehen wir mit Staatsschulden um? Unsere Verfassung verbietet, dass die Staatsverschuldung 55 Prozent des BIP übersteigt. Das müssen wir verhindern. Im August haben wir entschieden, viele Unternehmen bis Ende 2010 zu privatisieren. Der Wert wird etwa sechs bis sieben Mrd. Euro betragen. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 21.10.2009)

Zur Person

Michal Boni war polnischer Arbeitsminister und ist wirtschaftlicher Berater von Premierminister Donald Tusk. Er  sprach am Wochenende auf einer Konferenz des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

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