Statistiker sieht "keine Selbstmordwelle" bei France Telecom

20. Oktober 2009, 14:45
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Bei France Telecom bringen sich nicht mehr Menschen um als anderswo"

Die scheinbare Häufung von Selbstmorden bei France Telecom hat nach Einschätzung eines Statistikers nichts mit einer "Welle" zu tun. In der französischen Gesamtbevölkerung nähmen sich jährlich 19,6 von 100.000 Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren das Leben, sagte Rene Padieu von der französischen Gesellschaft für Statistik der Tageszeitung "La Croix". Bei "24 Suiziden in 19 Monaten" bei France Telecom mit 100.000 Mitarbeitern ergebe sich ein Durchschnitt von 15 Selbsttötungen im Jahr. "Schlussfolgerung: Bei France Telecom bringen sich nicht mehr Menschen um als anderswo", sagte der Statistiker: "Eine Selbstmordwelle gibt es nicht."

"Unwürdig"

Es sei "bedauerlich und unwürdig", dass die menschlichen Dramen, die hinter den Selbstmorden bei dem französischen Telekommunikationsriesen stünden, "instrumentalisiert" würden, sagte der ehemals leitende Mitarbeiter des Statistikamtes INSEE, für das er ehrenhalber weiter arbeitet. Arbeitgeber und Beschäftigte bedienten sich der Suizide in ihrer Auseinandersetzung.

An etwas zu glauben, was es in Wahrheit nicht gebe, nenne man in der Psychiatrie "einen Wahn", sagte Padieu. Im Falle von France Telecom ließen sich offenbar alle von einem Wahn erfassen, "die Beschäftigten, Geschäftsführung, Minister, Gewerkschaft, Journalisten, Kommentatoren, Sie und ich".

"160 Fragen, wozu ist das gut, was macht man damit?"

Der französische Psychiater Christophe Dejours kritisierte unterdessen den Fragebogen, den France Telecom wegen der Selbstmorde an seine Mitarbeiter verschickt hat. "160 Fragen, wozu ist das gut, was macht man damit?", fragte der Fachmann, der ein Buch zum Thema Arbeit und Selbstmord geschrieben hat. Der Fragebogen sei "vor allem ein Zeichen der Kommunikation nach außen". Die Auswertung der Daten werde nichts bringen, "wir haben schon Selbstmorde, das reicht".

Bei dem französischen Großkonzern haben sich in den vergangenen 20 Monaten 25 Menschen das Leben genommen. Die Gewerkschaften machen den rasanten Konzernumbau dafür verantwortlich, durch den viele Beschäftigte versetzt und die Arbeitsabläufe stark verändert würden. (APA)

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